Ja, das ist ganz interessant. Also man kann natürlich sehr weit zurückgehen und.
Die Moralstatistik und so weiter anführen, das waren sozusagen die ganz frühen
Formen der Beschäftigung mit Kriminalität, also wie viel Kriminalität passiert
in der Gesellschaft, welche Formen der Kriminalität passieren und so weiter. Dann ging es weiter.
Dann kamen diese biologistischen Ansätze, vor allem vertreten von Lomboso.
Das wird oft als der Startpunkt der Kriminologie gefasst, weil Lomboso eine
positive Wissenschaft installiert hat.
Das heißt, er hat sich auf empirische Belege gestützt und er hat also angefangen, Köpfe zu vermessen,
hat die äußeren Merkmale des Kriminellen studiert und das in einer gewissen Anzahl,
also eine gewisse Stichprobe hatte er auch und hat den Begriff des geborenen
Verbrechers geschaffen, der sehr, sehr berühmt geworden ist.
Er ging dann nach mehreren Überlegungen davon aus, dass etwa 30 bis 40 Prozent
der Kriminellen als geborene Verbrecher auf die Welt kommen und ging davon aus,
die seien einen sogenannten Stigmata erkennbar,
also an äußeren Erkennungsmerkmalen feststellbar.
Und sie würden einen Rückfall in vorherige Zivilisationsstufen repräsentieren.
Das klingt sehr da wie dawinsch und das ist es auch.
Das war sozusagen das Denken zu der damaligen Zeit und darüber lachen wir heute,
obwohl man muss schon sagen, das Interessante ist eigentlich,
es ist doch noch viel davon übrig geblieben.
Denn wenn wir jetzt von.
Aufrührenden Kriminalfällen hören, und es werden mal,
Nachbarn des Täters interviewt und so weiter, das haben wir gar nicht gedacht,
das war eigentlich immer ein netter Mensch, also irgendwie meinen wir immer
noch, wir könnten anhand irgendwelcher Stigmata den Kriminellen erkennen,
das ist also gar nicht so weit weg.
Und wenn wir irgendwie nachts durch die Gegend laufen.
Dann drehen wir uns halt auch mal um, in der Hoffnung, wir mögen den erkennen,
wenn der irgendwie Also insofern,
ganz so lächerlich ist dieser Gedankengang von Lombroso eigentlich nicht,
aber natürlich wissenschaftlich nicht haltbar.
Der war aber sehr, sehr einflussreich. Man kann auch bei Google eine ganze Menge
von den sogenannten Verbrechergesichtern finden.
Und dann sieht man jeweils Menschen, dann kontrastiert er das auch immer mit Tieren.
Ja, dann sehen also bestimmte Menschen, hätten dann ganz große Ähnlichkeiten
mit Wildschweinen und so weiter. Also das war sozusagen sein Ansatz gewesen.
Und diese biologistische Kaminologie, die ist auch nie ganz weg gewesen.
Wir haben sie in neuerer Form in der Genforschung gehabt.
Da hat man auch nach verbrecherischen Genen gesucht.
Der Hype war so in den 1990er Jahren. Das ist inzwischen nicht mehr so relevant.
Relevanter sind inzwischen die Hirnwissenschaft, die dann irgendwie nach Anomalien
im Gehirn sucht, die möglicherweise zu Verbrechen prädisponieren und so weiter.
Also sozusagen diese biologistische Terminologie ist nicht weg,
aber hat sich natürlich sehr verändert. Und dann.
Also im 20. Jahrhundert hat man dann auch Zwillingsforschung,
Adoptionsforschung und so weiter gemacht, um zu gucken,
wie ist das Verhältnis, also ich frage es mal, wie viel Nature,
wie viel Nurture, also wie viel Natur von Kriminalität finden wir versus wie viel Kultur,
also wie weit ist Kriminalität erworben oder eben vererbbar.
Das hat sich aber nie so richtig entschieden.
Man ist da auf vielen Spuren gewandert. Man hat bestimmte hormonelle Konstellationen
untersucht, man hat genetische Konstellationen untersucht und so weiter.
Aber Zwillingsforschung, Adoptionsforschung, Krankdigger allein schon aufgrund
der ganz geringen Stichproben, die man ja hatte.
Insofern, das ist vom Tisch.
Parallel dazu gibt es natürlich eine soziologische,
krimiologische Forschung, die also nach gesellschaftlichen Bedingungsfaktoren
gesucht hatte. Das hat man auch schon relativ früh gemacht.
Also auch die Gegenideen zu L'Obroso kamen etwa von La Cassagne,
der Satz, jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient.
Das ist so ein sehr berühmter Satz geworden und damit verwies er eben auf gesellschaftliche
Bedingungsfaktoren von Kriminalität.
Und einer der bedeutendsten Wunderväter der Soziologie,
Emil Dürkheim, hat auch um 1900 die gesellschaftlichen Bedingungsfaktoren von
Kriminalität untersucht und in dem Begriff der Annomie, der Regellosigkeit,
sich dazu Gedanken gemacht.
Das sind aber alles etiologische Ansätze.
Das heißt, sie suchen die Ursache von Kriminalität entweder in dem Körper des Kriminellen,
Stichwort Biologismus, Lebenswissenschaft heutzutage, oder in der sozialen Umgebung,
also den sozialen Bedingungen, in denen der Kriminelle liegt.
Also das sind jeweils etiologische Ansätze, die also gucken,
warum wird jemand oder warum ist jemand kriminell. Und jetzt hatten Sie ja gerade,
Herr Schwarz, angeführt, was ist sozusagen das Gegenmodell.
Auf Ihre Frage komme ich jetzt, nach diesem sehr langen Intro.
Die Gegenüberlegung ist dieser Etikettierungsansatz, so englisch Labeling Approach,
der aus den 1960er Jahren stammt und sich an eine soziologische Grundrichtung
orientiert, nämlich dem sogenannten Konstruktivismus.
Das heißt, die Dinge sind nicht einfach so, wie sie sind, das wäre das objektivistische
Denken, sondern die Dinge sind ja mal gesellschaftlich hergestellt worden.
Und auch Kriminalität fällt ja nicht sozusagen einfach vom Himmel,
auch das Strafrecht fällt nicht einfach vom Himmel, sondern es ist hergestellt worden.
Und der Labeling-Approach fragt nun danach, wie wird Kriminalität hergestellt?
Das ist die Grundfrage.
Und Kriminalität wird sozial konstruiert, indem man zum Beispiel so etwas wie
Strafrecht schafft, indem bestimmte Handlungen als kriminell definiert werden.
Und der zweite Punkt ist eben, dass man guckt, wie wird der konkrete Kriminelle sozial konstruiert.
Das setzt ja voraus, dass irgendjemand sagt, der ist kriminell und zur Polizei
geht, Anzeige erstattet, die Polizei diesen Verdacht für irgendwie plausibel
hält und ein Ermittlungsverfahren startet.
Und dann geht es weiter auch über die gerichtliche Instanz, wie wird darüber entschieden.
Das sind so die drei Ebenen der Konstruktion von Kriminalität.
Und der Fokus verschiebt sich vollständig von der Person des Kriminellen weg
hin zu den Instanzen sozialer Kontrolle, die Kriminalität und den konkreten
Kriminellen herstellen können.