Ja, aber ich finde, Sie haben ja recht, aber das muss ja auch nicht alles sein.
Also natürlich ist es so, dass Sie, wenn Sie im politischen Feld sich bewegen,
dass da ganz andere Imperative herrschen, als wenn ich jetzt als Professor an der Uni,
gut, ich habe meine Lehrveranstaltungen, die kosten sehr viel Zeit und so und
ich komme dann in den Semesterferien mehr zum Denken und Lesen und dann ist
es aber trotzdem relativ entspannt.
Also ich habe vor ein paar Jahren, vor drei Monaten im Auswärtigen Amt ein Praktikum
gemacht, weil ich einfach mal wissen wollte, wie das da funktioniert.
Und das Erste, was einem auffällt, ist, es ist natürlich jeden Tag was anderes Thema.
Da ist überhaupt nicht die Zeit und auch nicht das Personal,
um sich sozusagen irgendwie mit strukturellen,
mit Gegebenheiten oder langfristigen Prozessen oder dergleichen zu beschäftigen.
Also es gibt einen Planungsstab, der versucht das und die sind auch aufgeweckt,
und nehmen alles Mögliche zur Kenntnis und beschäftigen sich mit allem Möglichen.
Aber das ist aber nicht die tägliche Routine.
Und das ist ein Ministerium. Das ist natürlich gegenüber sozusagen dem politischen
Feld, in dem es jetzt um Auseinandersetzungen geht zwischen Regierung und Opposition,
der die ganze Zeit versucht wird, sozusagen das Gegenteil von dem,
was die andere Seite macht, plausibel zu machen und die andere Seite zu kritisieren.
Bleibt überhaupt gar keine Luft für so ein paar, soll ich sagen,
größere Gedanken oder fundamentalere Kritiken.
Aber ich würde jetzt sozusagen die Funktion von uns im Feld der Wissenschaft
schon so sehen, dass wir dafür aber den Stoff liefern und dass wir das sagen
und aussprechen Und das wäre so die Kontingenz des eigenen Standpunkts und die Frage,
wie geht man mit denen um, die offensichtlich irgendwie anders sind,
statt nur in die Konfrontation zu gehen.
Das sind schon die Aufgaben. Und ich finde, solche grundlegenden Ideen,
die kann man auch politisch kommunizieren, auch als politischer Akteur.
Was ich gegenwärtig beobachte, ist aber sozusagen der Drang zur Konfrontation.
Also vielleicht kann man es am Fall Deutschland-China mal deutlicher machen.
Also in meiner Idealwelt würden Diplomaten miteinander reden und werden ein
bisschen freigestellt von ihren nationalen Regierungen.
Die würden sich darum bemühen, die Probleme, die nun mal entstanden sind,
irgendwie rational zu verregeln und dafür Lösungen zu finden.
Und die Politiker würden sie gewähren lassen und sie würden auch sich nicht
einer konfrontativen Sprache bedienen.
Man muss nicht sagen, dass der andere Staatschef ein Diktator ist. Das kann man machen.
Das ist aber Reden zur eigenen Gemeinde und es ist außenpolitisch schädlich.
Und das kann man unter großen Akteuren, finde ich, vor den großen Problemen,
vor denen die ganze Welt steht, sich eigentlich nicht erlauben.
Das ist einfach, glaube ich, politisch falsch und das können wir,
finde ich, auch als Politikwissenschaftler dann mal sagen.
Also trotz der Hektik, trotz der anderen Imperative, finde ich,
kann man Impulse, die sozusagen von denen, die in einer privilegierten Position
sind, nämlich sich ohne Druck und nicht viel Zeit Gedanken zu machen,
auch aufgreifen. Und deshalb habe ich das auch geschrieben.
Ich habe vorher noch nie so ein Buch geschrieben, was sozusagen so direkt zu
irgendwie, für meine Verhältnisse, sehr direkt zu Gegenwartspolitik spricht.
Aber es scheint mir eben nötig, weil das so die Tendenz ist.
Also es ist sozusagen billig, das Kriegercharisma zu akkumulieren,
indem man sich sozusagen als klare Kante, Zeigen, Akteur inszeniert.
Aber der Schaden, der dabei entsteht, ist eben sehr schwer wieder zu beheben.
Das sind ja die Sprüche, die wir alle kennen. Also Vertrauen aufbauen dauert
20 Jahre, es zerstören dauert einen Tag oder eine Stunde oder vielleicht auch nur eine Minute.
Das sind ja so Mechanismen.
Und das gilt auch ein bisschen für das generelle Publikum, was finde ich interessant.
Ja, das hat doch bestimmt was mit den sozialen Medien zu tun,
aber es gibt so eine generelle Aufgeregtheit und der Zwang, dass alle sich ständig
zu allem verhalten müssen, dass ein Politiker, der in ein anderes Land fährt,
dann auch da immer sofort alle Missstände ansprechen muss.
Und man bemerkt überhaupt nicht die Asymmetrien, die da in der Welt existieren.
Also das hat jetzt ein bisschen was mit dieser Afrika-Erfahrung zu tun.
In afrikanischen Staaten, den meisten erleben sie, dass in der Presse ständig
irgendwelche westlichen Botschafter oder Akteure auftreten, die an irgendwelchen
Verbesserungen gelegen sind und da Vorträge halten oder den Politikern sagen,
ihr müsst jetzt dieses oder jenes tun.
Das passiert jetzt mittlerweile ein bisschen weniger, weil der Widerstand dagegen stärker geworden ist.
Aber es ist sozusagen täglich. Es passiert jeden Tag. Ich habe aber noch nie
erlebt, dass ein afrikanischer Politiker sich in Deutschland jemals zu einer
innenpolitischen Frage in Deutschland geäußert hätte, weil man das nicht macht.
Also das gehört sich eigentlich nicht. Das ist sozusagen ein moralischer Code,
den man lernen muss, der bei uns aber aus einer, wie soll ich sagen,
moralischen Aufrüstung heraus ständig gebrochen wird.
Man kann Kritik an politischen Vorgängen in anderen Ländern üben,
aber ich finde, das sollten nicht Diplomaten machen und auch nicht unbedingt Politiker.
Das können zivilgesellschaftliche Akteure tun, aber wir haben so große Probleme,
dass wir versuchen müssen, irgendwie eine sachliche Ebene der Auseinandersetzung
mit Regierungen zu finden, die wir vielleicht nicht gut finden oder gut heißen.
Und daran sozusagen mitzuwirken oder dahin zu wirken, das ist eigentlich für
mich die Motivation, weil wir
diese unterschiedlichen Imperative der einzelnen Felder schon klar sind.
Also das ist ja unübersehbar. Und das müssen wir als Wissenschaftler,
finde ich, eben auch nicht mitreden.
So als wüssten wir das alles so ganz genau und werden uns total sicher nach
außen tragen, sondern ich finde, das ist eigentlich das Schöne an der Wissenschaft,
dass man sozusagen den Irrtumsvorbehalt hat.
Wir können das sagen, mein Eindruck ist, oder ich denke, oder ich glaube,
oder es sieht so aus, oder für mich ist es plausibel.
Im politischen Feld kann man das in der Regel ja leider nicht.
Oder man könnte es vielleicht hier und da doch, aber man wird nicht gewählt,
wenn man sagt, Ich weiß es auch nicht so genau, sondern mit massiver behauptender Kraft auftreten.
Aber es gibt ja Leute, die das offenbar besser konnten, also Jimmy Carter oder
Olof Palme oder Willy Brandt, also nicht zufällig alles mehr so sozialdemokratische
Figuren, die das irgendwie besser konnten.
Statt immer nur drauf zu hauen. Naja, gut, also, weiß nicht,
ist jetzt eine weitergehende Frage
der politischen Praxis und wie das Zusammenspiel da funktionieren soll.
Also ich weiß, es gibt unterschiedliche Imperative, aber ich finde,
man kann es verkoppeln und man kann auch sozusagen ein Gedenk der Zwänge oder
Chancen, unter denen die anderen stehen, da auch ein bisschen mehr voneinander profitieren.