Ad-hoc-Gruppe: Podcasts in der Soziologie

Am 18. September 2020 haben wir auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie eine Ad-hoc-Gruppe zum Thema „Podcasts in der Soziologie“ organisiert.

Ein bearbeiteter Mitschnitt der Veranstaltung ist hier zu hören. Die einzelnen Vorträge sind zur Zitierung auf SocioHub verfügbar.

Es sprachen:

Abstracts

Stefan Sauer, Manuel Nicklich: Podcasts als (öffentliche) soziologische Interventionen

Die Soziologie ist als ‚Wissenschaft von der Gesellschaft‘ geradezu prädestiniert dazu, mit dieser in Dialog zu treten, spielt jedoch – gemessen bspw. an Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft und neuerdings auch Virologie – im öffentlichen Diskurs eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Nicht selten scheinen sich Soziolog*innen in einem Spannungsfeld zu befinden: eigene Motivation oder gesellschaftliche Nützlichkeitserwartung legen die Partizipation an gesellschaftlichen Diskursen nahe, soziologische Akribie – oder Pedanterie –und akademische Neutralitätsgebote erschweren die Anschlussfähigkeit an diese. Dies hatte bereits Charles W. Mills in seinem wegweisenden Werk „Sociological Imagination“ zum Problem der Disziplin gemacht (Mills 1959), welches sich offenbar bis heute gehalten hat. Als paradigmatisch für das Spannungsfeld können die innerfachlichen Diskurse um Zeitdiagnosen (Lichtblau 2017; Neun 2016; Osrecki 2011; Volkmann 2015) und public sociology (Burawoy 2005, 2015; Fasis 2014) gelten. Diese stellen eine „legitimationsbedürftige soziologische Gattung“ (Neun 2016: 303) dar und fristen eine „Randexistenz“ (ebd.). Trotz starkem Anwachsen von zeit- und gesellschaftsdiagnostischen soziologischen Veröffentlichungen (bspw. Beck 1986; Koppetsch 2015; Mouffe 2018; Nassehi 2019; Reckwitz 2019; Streeck 2015) sind diese nicht als soziologisches Teilgebiet ausgewiesen und Qualität wie Rezeption höchst heterogen. Ergänzend – und mit zunehmendem Gewicht – bildet sich mittels sozialer Medien und Podcasts die „e‑public sociology“ (Healy 2017; Schneider 2014), die beinahe voraussetzungslose Kommunikation mit der Öffentlichkeit ermöglicht. Daher stellen wir die Fragen nach Kriterien, mittels derer soziologische Podcasts als ‚legitime‘ gesellschaftliche Intervention gelten können und analysieren Podcasten als spezifische Form soziologischer Tätigkeit zwischen ‚öffentlicher Soziologie‘ und ‚Soziologie in der Öffentlichkeit‘. Diese Differenzierung legen wir an Hand des Wissenstransfers in die Öffentlichkeit (Haas 2020) und des gesellschaftspolitischen Problembewusstseins dar (Neun 2019). Podcasten mit einem Geltungsanspruch im Sinne öffentlicher Soziologie impliziert daher, diese Kriterien in die Kommunikation soziologischer Forschung integrieren und im Sinne einer Intervention umsetzen zu können.

Armin Hempel: Wie Vertrauen schaffen? Über die Rolle des Podcasting in der Wissenschaftskommunikation

Die externe Wissenschaftskommunikation stellt eine Reihe von vielschichtigen Anforderungen an ein Medium. Eine erste Lektüre zahlreicher für die Wissenschaftskommunikation relevanter Diskursbeiträge der letzten Jahrzehnte lässt vermuten, dass ein für die Wissenschaftskommunikation geeignetes Medium nicht nur flexibel und gleichermaßen leicht zugänglich für Rezipienten als auch Produzenten sein muss, sondern gleichzeitig die Möglichkeit bieten sollte, Vertrauen zu stiften und Akzeptanz für wissenschaftliches Arbeiten zu schaffen.

Dies drückt sich auch durch den Wandel vom Public Unterstanding und der Public Awareness zum Public Engagement with Science in der Diskussion um die Wissenschaftskommunikation aus. Podcasts erscheinen – legt man diese Anforderungen zugrunde – als geradezu ideal für die vielfältigen Bedarfe der Wissenschaftskommunikation. Sie schaffen als ein mittlerweile breit rezipiertes Online-Medium ohne Formatgrenzen die Gelegenheit, öffentlich komplexe Themen in nahezu beliebiger Tiefe zu verhandeln. Äußerungen verschiedener Podcasterinnen und ihrer Hörerinnen bieten zudem deutliche Hinweise darauf, dass sich zwischen beiden Gruppen häufig eine besonders intensive Vertrauensbeziehung entwickelt. Dies ist auch deswegen bemerkenswert, weil das Medium selbst über keinen Rückkanal im traditionellen Sinne verfügt, über den eine „echte“ Kontaktaufnahme zwischen beiden möglich wäre.

Was kann also ursächlich für diese Vertrauensbeziehung sein? Welche Rollen spielen Faktoren wie Stimmlichkeit, Produktions- und Rezeptionsumstände, Immersionseffekte oder Eigenheiten der gesprochenen Sprache? Welche Bedeutung haben die verhandelten Inhalte oder andere Online-Medien als Rückkanäle?

Eine kritische Betrachtung des populären „Coronavirus-Update mit Christian Drosten“ soll versuchen, sich diesen Fragen anzunähern. Wovon spricht Drosten? Wie oft bemüht er sich um Wissenstransfer, wieviel Zeit verwendet er auf die Erklärung wissenschaftlicher Methoden und Vorgänge, wie oft spricht er über Politik, Privates und Alltagsgeschehen? Wie fügt sich Drostens Podcast in die Medienlandschaft und – welchen Einfluss hat er auf das Bild von Podcasts als Mittel der Wissenschaftskommunikation?

Moritz Klenk: Sprechendes Denken – Von der sinnlich-sinnhaften Verfertigung soziologischer Erkenntnis beim Sprechen (und Hören)

Die Wissenschaftskommunikation hat seit einigen Jahren — in der Soziologie mit erheblicher Verzögerung — das Medium Podcasting für sich entdeckt. Dabei werden, den Annäherungen an andere digitale Medien nicht unähnlich, vor allem Podcasts als Instrument der „public science“ genutzt. Erzählende Formate, Interviews aber auch gebaute Features können als bevorzugte Formate erwähnt werden. Podcasts dienen so vor allem als Medium der Wissensvermittlung. Es schliesst sich gerade bei der Prominenz einiger Formate dann aber die weitergehende Frage an: was sind die Potenziale von Podcasts in der Wissensgenese, in der methodischen und theoretischen Produktion wissenschaftlicher Erkenntnis selbst?

Der Beitrag möchte einige Möglichkeiten von Podcasts als Medium soziologischer Erkenntnisproduktion reflektieren. Vor dem Hintergrund zweier theoretisch/methodischer Vorschläge, dem Audio-Paper Manifesto der Musikwissenschaftlerinnen Sanne Krogh Groth & Kristine Samson (2016) sowie dem ethnographischen Ansatz von Recording Culture von Daniel Makagon & Mark Neumann (2009), werden die Fragen nach der spezifischen Bedeutung sinnlicher Wahrnehmung für die Genese und Reflexion von soziologischer Erkenntnis gestellt.

Welche Formen der Konstitution von Wissen sind in auditiven Medien möglich, die in anderen, nicht möglich sind? Sind Sinn und Sinnlichkeit vermittelt oder sollten sie in wissenschaftlichen Kontexten getrennt behandelt werden? Werden hierüber neue Zugänge zur Gesellschaft wie auch zur Soziologie möglich? Für welche soziologischen Gegenstände der Forschung, für welche Theorien und Methoden sind auditive Vermittlung der Genese und Darstellung von Erkenntnis überhaupt möglich? Wie kann etwa mit gesprochener Sprache anders als mit schriftlicher Sprache gedacht werden — sowohl sprechend als auch hörend? Mit welchen Mitteln und unter welchen Bedingungen können auditive Darstellungen als strenge wissenschaftliche Textformate akzeptiert werden? Und welche Bedeutung hat schliesslich die spezifische Form auditiver Medien: Podcast?

Der Beitrag stütz sich auf das Podlog Projekt, ein wissenschaftliches Arbeits- und Denktagebuch, das ich im Jahr 2017 durchgeführt habe; der Kontext der Arbeit als Qualifikationssarbeit bieten einen hervorragend Prüffall für die Frage nach der Wissenschaftlichkeit auditiver Medien und ihrer spezifischen Vermittlungsweise.

zur Person

Moritz Klenk (Dr. phil.) ist Professor für Kulturwissenschaften an der Hochschule Mannheim. Seine Arbeits- und Interessensschwerpunkte sind experimentelle Kulturwissenschaft, kritische Theorie, Medien- und Designgeschichte, Theorie der Praxis, Erkenntnistheorie der Geisteswissenschaften sowie Wissenschaftssoziologie.

Website: experimentality.org

Jüngste Veröffentlichung: Klenk, Moritz. 2020. Sprechendes Denken: Essays zu einer experimentellen Kulturwissenschaft. Edition Kulturwissenschaft 234. Bielefeld: transcript.

Christoph Peters, Jennifer Seifert: Selbstbildung durch Podcasts – zwischen Feuilleton und Wissenschaftskommunikation?

Podcasts fallen als nicht mehr neues, aber scheinbar doch immer wieder so wahrgenommenes Audioformat dadurch auf, dass sie ganz offenbar eine eigene Medienform darstellen. Ein Subgenre im großen Podcastmarkt stellen die Wissenschaftspodcasts dar, die in Bezug auf Downloadzahlen zwar nicht mit den größten und bekanntesten (Unterhaltungs-)Podcasts mithalten können, aber dennoch breit rezipiert werden. Im Bereich der soziologisch orientierten Podcasts wird das Feld dann wiederum bedeutend kleiner.

Auffällig ist, dass Podcasts im Vergleich zum Radio davon leben, dass sie sehr intendiert von Nutzerinnen ausgewählt werden. So kuratiert jeder Einzelner seinenihren “Feed” eigenständig und entscheidet sich beim Hören konkret dafür einer Podcastfolge teils über mehrere Stunden seineihre Aufmerksamkeit zu widmen. In Bezug auf wissenschafts- und soziologiebezogene Podcasts bedeutet dies, dass sich das Hören von Podcasts mit klassischen Lerntheorien im Einklang findet, denn was die Rezipientinnen mit dem zu ihnen Gesprochenem anfangen bleibt als Lernprozess unverfügbar. Dieser selbstgesteuerte Lernprozess scheint dabei gerade deswegen so erfolgreich zu sein, weil Podcasts keine Dauerinteraktion mit Geräten benötigen. Mit viel Raum für das freie Gespräch tragen Podcasts dazu bei in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit einem Thema zwischen verschiedenen Fokusarten zu wechseln und bereichern das sehr konzentrierte und dafür nicht so freie Arbeiten an und mit Texten um eine weitere Dimension. Sie bieten für die Soziologie die Möglichkeit intellektuelle Räume des freien Gesprächs neu zu besetzen. Es ist ein neues Denkformat entstanden, das im Gegensatz zum wissenschaftlichen Paper damit hervorsticht, dass nicht nur Ergebnisse präsentiert, sondern auch explizit nachvollzogen werden kann, welche Denkprozesse hinter präsentierten Resultaten stehen, da diese sich erst im Gespräch ergeben.

Ob soziologische Podcasts langfristig nicht nur außerhalb des Wissenschaftsbetriebs als Format zwischen Wissenschaftskommunikation und Feuilleton rezipiert werden, sondern auch legitimen Eingang in das akademische Feld finden, steht und fällt dabei mit dem Sozialprestige das Podcasts beigemessen wird. Die reine Masse an Hörer*innen kann hierbei faktisch-quantitativen Druck ausüben, der ein Ignorieren der entsprechenden Sendungen unmöglich macht.

Jan Groos: Podcasten als Teil der erweiterten Forschungspraxis

Mein Vortrag im Rahmen der Ad-hoc-Gruppe „Podcasts in der Soziologie“ soll anhand mehrerer Punkte die Möglichkeiten des Podcastens als Teil einer erweiterten Forschungspraxis ausloten: (1.) als öffentliches Archiv (z.B. eines Forschungsprojektes), (2.) als Raum für fachinternen Austausch, (3.) als Austausch mit Öffentlichkeiten jenseits des akademischen Betriebs und schließlich (4.) als (explorative) Forschungsmethode.

Anhand mehrerer Episoden des von mir betriebenen Podcast Future Histories möchte ich aufzeigen, wie über mehrere Folgen hinweg Fragestellungen in gemeinschaftlich-diskursiver Arbeit verfolgt werden können und hierbei Formen der Wissensproduktion entstehen, die diesem Medium eigen sind.

zur Person

Jan Groos ist Doktorand an der Universität Duisburg-Essen im Fachbereich Soziologie unter Betreuung von PD Dr. Robert Seyfert. Sein Promotionsprojekt trägt den Titel „Soziotechnische Imaginationen algorithmischer Regierungskunst“ und ist in das von PD. Dr. Robert Seyfert geleitete Forschungsprojekt „Das Regieren der Algorithmen“ eingebunden. Im Frühjahr 2020 war Jan Groos als Research Fellow am Weizenbaum Institut für die vernetzte Gesellschaft (Forschungsgruppe 17 — “Vertrauen in verteilten Umgebungen”) zu Gast. Er betreibt den Podcast Future Histories.

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