Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung

Im Gespräch mit Theodor W. Adorno

Die verwaltete Welt, in der wir scheinbar leben, erhofft sich allerlei von Kultur. Kritik des Bestehenden, Ausbruch aus dem stahlharten Gehäuse der Hörigkeit, pure Vernunft darf niemals siegen. Merkwürdig, dass Künstlerinnen und Kulturschaffende gleichzeitig abhängig sind von staatlichen Fördergeldern und Institutionen.

In seinem Vortrag Kultur und Verwaltung von 1959 beschäftigt sich Theodor W. Adorno mit eben diesem Problem. Die Nützlichkeit des Nützlichen sei selbst „dubios“, so hören wir im O‐Ton, und der Apparat lebe von der Gegenüberstellung mit der Kultur. Dass das Beharren auf der Nutzlosigkeit von Kultur staatserhaltend wirkt, leuchtet uns dabei voll ein. Ebenso, dass die Interdependenz von Kultur und Verwaltung in einer demokratischen Gesellschaft unumgänglich ist.

Wir sprechen, wie schon in Episode 12, über offene Planung, die Ungeplantes einschließen soll. Und haben schließlich unsere Zweifel, wie total man Kulturkritik formulieren kann. Ist Kultur nicht immer mehr als das Bild, das sich Staat und Gesellschaft von ihr machen? So überrascht uns auch der staatstragende, versöhnliche Ton Adornos, wenn es um die liberale Demokratie geht. Er hört sich an wie jemand, der sich arrangiert hat – und seinem Publikum das anempfiehlt.

Die fetten Jahre sind vorbei

Was ist Wachstum?

2019 wird gefährlich, sagt das Weltwirtschaftsforum in Davos. Nicht so sehr wegen Kriegen oder Wirtschaftskrisen, am gefährlichsten wird uns die Natur. Die ökologische Frage rückt langsam ins Zentrum des 21. Jahrhunderts und beschäftigt uns ein weiteres Mal beim Neuen Berlin.

Es geht um Wachstum und dessen alte Liaison mit unserer Wirtschaftsordnung. Mit Andrea Vetter vom wachstumskritischen Konzeptwerk Neue Ökonomie sprechen wir darüber, was Wachstum eigentlich ist. Wie kann man es messen? Und was übersieht man dabei vielleicht? (Dazu erscheint im April auch ein Buch bei Junius.)

Wer über Wachstum sprechen will, muss über das Ganze sprechen. Ohne das K‐Wort kommen wir dieses Mal also nicht aus: Gräbt die Dynamik des Kapitalismus uns langsam unser ökologisches Grab oder könnte eine kluge Politik ihn doch mäßigen? Und überhaupt, wo sollte man anfangen, im Supermarkt, im Braunkohlerevier, in der Fabrik oder im Parlament? Denn anfangen müssen wir.

Refreshing Das Neue Berlin

Rückblick auf den 35C3

Wir starten ins neue Jahr 2019. Jan war „zwischen den Jahren“ auf dem 35. Chaos Communication Congress namens „Refreshing Memories“ und berichtet von den besten Vorträgen. Öffentliche Debatten verstecken sich, wenn es um Computer geht, ja gerne hinter Begriffen – anders hier. Wir sprechen so über die Fragmentierung des chinesischen „Social Credit System“, den Datenmüll, den Amazon über uns anhäuft, was sich hinter der sogenannten künstlichen Intelligenz eigentlich verbirgt, oder das Internet als Business.

Zweites Thema: In einer Weltgesellschaft, die sich abhängig gemacht hat von digitaler Infrastruktur, werden die Fehler, die man bei ihrer Konstruktion gemacht hat, immer folgenreicher. Vielleicht wird also „the next big thing“ unwichtiger – gegenüber der immer größer werdenden Verantwortung, das, was bereits da ist, so zu verbessern, dass es auch in Zukunft noch sicher läuft. „Can we build systems that actually work?“

Doch auch auf den Rest der Gesellschaft wirft der Kongress einen Blick. Ob es um die Struktur und Reform des öffentlich‐rechtlichen Rundfunks oder die technische Infrastruktur geht, die den privaten Rettungsschiffen auf dem Mittelmeer ihre Arbeit ermöglicht: die Stärke vieler Vorträge liegt in Berichten aus erster Hand. Und in einer neuen Ernsthaftigkeit, was das politische System betrifft. Bevor Martin Sonneborn so seine Witze machte, hielt sein Büroleiter Lehrstunde über die europäischen Institutionen. Der Diskurs legte also gut vor. Die Sozialwissenschaft müsste anschließen — fehlt aber auffällig auf der Bühne (mit wenigen Ausnahmen). Das können wir doch ändern. Guter Vorsatz!

Dank an Gregor Dys für die Musik!

Eine andere Wirtschaft

Brauchen wir eine plurale Ökonomik?

It’s the economy, stupid! Darauf können sich alle einigen – ob Häuslebauer oder Marxist, ob Konzernchef oder Ökoaktivist, ob Börsenmakler oder Gewerkschaftler. Die Wirtschaft scheint der Schlüssel zum Verständnis der Gesellschaft. Kein anderes Funktionssystem wird so nervös beäugt, so kultisch verehrt, so inbrünstig verachtet wie die Wirtschaft.

Dem Wirrwarr der Meinungen und Emotionen steht eine Disziplin scheinbar naturwissenschatlicher Klarheit gegenüber. Wer heute Volkswirtschaftslehre studiert, kommt in eine Welt der Eindeutigkeit: Mathematische Modelle, die exakte Vorhersagen treffen sollen. Eine einheitliche Theorie, die die Wege der Forschung absteckt. Gesetzmäßige Grundannahmen, die im Prinzip immer und überall Gültigkeit haben.

Nicht alle finden das gut: Als feststehendes Paradigma throne die Neoklassik an den Lehrstühlen und lasse keine falschen Götter neben sich zu. Sie schwärme vom Gleichgewicht der Märkte, während eine Wirtschaftskrise die nächste ablöse. Unverbesserlich verschreibe sie ihrem siechenden Patienten immer wieder die alte Medizin der Deregulierung.

Mit Max und Hannes von den Kritischen WirtschaftswissenschaftlerInnen aus dem Netzwerk Plurale Ökonomik sprechen wir darüber, wie die Lehre derzeit an deutschen Universitäten aussieht und wie sie vielleicht besser werden könnte. Ist die Ökonomik methodisch blind geworden für soziale und ökologische Fragen? Kann sie es sich wirklich leisten, sich nicht mehr mit ihren eigenen Klassikern zu beschäftigen? Sieht sie den Wald der Gesellschaft vor lauter rationalen Individuen nicht mehr, kennt weder Institution, noch Kultur, noch Geschichte? Wir diskutieren darüber.

Transatlantische Bildungsunterschiede

Beobachtungen zur deutschen und amerikanischen Universität

50 Jahre 1968: Die Proteste von Studierenden in dieser Zeit stehen nicht nur für einen Wandel im akademischen Selbstverständnis, sondern auch für eine Annäherung amerikanischer und (bundes)deutscher Universitätskultur. Die beiden Systeme haben dabei denkbar unterschiedliche Voraussetzungen. Ist das amerikanische System von enormen Qualitätsunterschieden zwischen privaten Eliteuniversitäten und staatlichen Colleges geprägt, verspricht die deutsche Universität nach wie vor relativ gute, relativ erschwingliche Abschlüsse in der Breite.

Vor diesem Hintergrund sprechen wir dieses Mal über den universitären Alltag in Deutschland und in den Vereinigten Staaten. Dazu haben wir Robert eingeladen, der derzeit an der Duke University in Durham, North Carolina studiert. Ob die amerikanische Eliteuniversität eine „totale Institution“ ist oder nicht: Ihre Mitglieder sozialisiert sie jedenfalls umfassender als die deutsche. Eine Hierarchie entscheidet dabei darüber, in welcher Position man nach dem Abschluss landen kann. Entsprechend herrscht ein anderer Druck – nicht zuletzt, weil sich die meisten Studierenden verschulden müssen.

Und doch erscheint uns die amerikanische Universitätsbildung besser als die deutsche: Kleine Klassen statt überfüllter Hörsäle. Direkte Betreuung anstatt Verwaltungschaos. Lernen auf Augenhöhe anstatt dem institutionellen Machtgefälle zwischen verbeamteter Professorenschaft und dem „Rest“. Vielleicht können wir davon etwas lernen – ohne uns die große Ungleichheit mit einzukaufen.