Bedingungslos und für alle

Mit Michael Bohmeyer über das bedingungslose Grundeinkommen

Das Zeitalter der großen gesellschaftlichen Gegenentwürfe ist vorbei, wird immer wieder behauptet. Der Raum des politisch Denkbaren schrumpfe zusammen und es bleibe nur Technokratie und Alternativlosigkeit. Erstaunlicherweise ist es gerade ein radikales Konzept, das in der Debatte aktuell für Aufsehen sorgt: das bedingungslose Grundeinkommen ist historisch ohne Vorbilder und findet aktuell Befürworter und Kritiker auf allen Seiten des poltischen Spektrums.

Für unseren Gast Michael Bohmeyer, den Gründer von Mein Grundeinkommen, geht es dabei nicht so sehr um die Fragen des alten Sozialstaats, sondern um die Frage, wie das gute Leben im 21. Jahrhundert aussehen kann. Zusammen mit seinem Team hat er inzwischen an 300 Menschen ein einjähriges Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat verlost.

Wir wollen es genau wissen. Welche Probleme löst das Grundeinkommen wirklich: digitalisierte Arbeitswelt, Klimaschutz, Populismus, Burnoutgefahr? Und wie soll das funktionieren? Kann der klassische Sozialstaat das nicht auch? Ist das bedingungslose Grundeinkommen eher links oder eher wirtschaftsliberal? Vielleicht steht Mein Grundeinkommen ja auch für eine neue Form des Politischen. Ein sozialer Experimentalismus, der (vorerst) wenig Theorie hat und keine Agenda, der nicht belehrt und der keine Parteien gründet – eine reine Praxis. Kann das funktionieren?

Hands-on-Philosophie

Mit Dagmar Borchers über Angewandte Philosophie

Die Philosophie ist nicht mehr das, was sie mal war. Sagen manche. Zu verwissenschaftlicht, zu sehr in hochspezialisierten Forschungsprogrammen befangen, zu wenig an den eigentlichen Problemen „der Gesellschaft“ interessiert. Die Binse vom Elfenbeinturm ist allseits bekannt; was die Philosophie hingegen für das Verständnis unserer drängendsten Probleme leistet, ist eine schwierige, ja philosophische Frage.

Wir diskutieren darüber mit Dagmar Borchers, Professorin für Angewandte Philosophie an der Universität Bremen. Für Borchers habe die akademische Philosophie durchaus zu unzähligen Rätseln der Gegenwart etwas zu sagen, von der Sterbehilfe bis zur künstlichen Intelligenz, von der Quantenmechanik bis zur Neurowissenschaft, vom Terrorismus bis zum Staatsrecht. Angewandte Philosophie sei aber nur möglich in einem Zusammenspiel von interdisziplinärer Debatte und der Rückbindung an die philosophische Grundlagenforschung.

Wie kann das philsophische Wissen an die Öffentlichkeit gebracht werden? Wie kann das Wissen anderer Disziplinen angeeignet und philosophisch reflektiert werden? In Bremen soll das ab dem Sommersemster 2019 auch der Masterstudiengang Angewandte Philosophie vermitteln.

Digitale Entmündigung

Mit Rainer Mühlhoff über Manipulation durch User Experience Design

Im digitalen Raum findet ein Kampf um Aufmerksamkeit statt. Unser Verhalten wird dafür auf den meisten Websites und in den meisten Apps aufgezeichnet. Dabei geht es nicht nur um ein möglichst genaues Bild vom Verhalten der Nutzer. Die „Daten“ sind auch Basis eines Designs, das unsere Aufmerksamkeit und unser Verhalten in die gewünschten Bahnen lenken soll.

Rainer Mühlhoff beschäftigt sich mit eben diesem Thema und hat kürzlich einen Aufsatz dazu im Leviathan veröffentlicht. Unter dem Begriff der „digitalen Entmündigung“ beschreibt er ein Zusammenspiel aus umfassender Datensammelei, manipulativer Gestaltung von Interfaces und einer „Versiegelung von Oberflächen“. Dabei werde den Nutzern das technische Verständnis der Geräte und Anwendungen immer mehr erschwert.

Wir fragen uns, was an der Situation wirklich neu ist und was altbekanntes betriebswirtschaftliches Kalkül. Was ist der Unterschied zwischen Usability und User Experience Design? Denkt die Industrie unter Stichworten wie „Humane Technology“ oder „Time Well Spent“ nicht schon um? Und welche Rolle spielen wir selbst bei all dem? Wollen wir überhaupt mündig sein?

Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung

Im Gespräch mit Theodor W. Adorno

Die verwaltete Welt, in der wir scheinbar leben, erhofft sich allerlei von Kultur. Kritik des Bestehenden, Ausbruch aus dem stahlharten Gehäuse der Hörigkeit, pure Vernunft darf niemals siegen. Merkwürdig, dass Künstlerinnen und Kulturschaffende gleichzeitig abhängig sind von staatlichen Fördergeldern und Institutionen.

In seinem Vortrag Kultur und Verwaltung von 1959 beschäftigt sich Theodor W. Adorno mit eben diesem Problem. Die Nützlichkeit des Nützlichen sei selbst „dubios“, so hören wir im O‐Ton, und der Apparat lebe von der Gegenüberstellung mit der Kultur. Dass das Beharren auf der Nutzlosigkeit von Kultur staatserhaltend wirkt, leuchtet uns dabei voll ein. Ebenso, dass die Interdependenz von Kultur und Verwaltung in einer demokratischen Gesellschaft unumgänglich ist.

Wir sprechen, wie schon in Episode 12, über offene Planung, die Ungeplantes einschließen soll. Und haben schließlich unsere Zweifel, wie total man Kulturkritik formulieren kann. Ist Kultur nicht immer mehr als das Bild, das sich Staat und Gesellschaft von ihr machen? So überrascht uns auch der staatstragende, versöhnliche Ton Adornos, wenn es um die liberale Demokratie geht. Er hört sich an wie jemand, der sich arrangiert hat – und seinem Publikum das anempfiehlt.

Die fetten Jahre sind vorbei

Was ist Wachstum?

2019 wird gefährlich, sagt das Weltwirtschaftsforum in Davos. Nicht so sehr wegen Kriegen oder Wirtschaftskrisen, am gefährlichsten wird uns die Natur. Die ökologische Frage rückt langsam ins Zentrum des 21. Jahrhunderts und beschäftigt uns ein weiteres Mal beim Neuen Berlin.

Es geht um Wachstum und dessen alte Liaison mit unserer Wirtschaftsordnung. Mit Andrea Vetter vom wachstumskritischen Konzeptwerk Neue Ökonomie sprechen wir darüber, was Wachstum eigentlich ist. Wie kann man es messen? Und was übersieht man dabei vielleicht? (Dazu erscheint im April auch ein Buch bei Junius.)

Wer über Wachstum sprechen will, muss über das Ganze sprechen. Ohne das K‐Wort kommen wir dieses Mal also nicht aus: Gräbt die Dynamik des Kapitalismus uns langsam unser ökologisches Grab oder könnte eine kluge Politik ihn doch mäßigen? Und überhaupt, wo sollte man anfangen, im Supermarkt, im Braunkohlerevier, in der Fabrik oder im Parlament? Denn anfangen müssen wir.