Ein Jahr Das Neue Berlin

oder: wie man Manifeste schreibt

Wir feiern unseren ersten Geburtstag! Und schreiben derzeit an einem Artikel über das, was wir hier tun. Der erscheint zwar erst in ein paar Wochen — den Streit, der dahinter steckt, gibt es aber schon vorab zu hören. Es ist schwierig, Praxis in einen pointierten Text zu übersetzen. Schlüssig darzulegen, was man da tut, wenn man das noch nicht so genau weiß.

In der Sendung gehen wir unser Manuskript durch und reflektieren, was wir geschrieben haben. Wie wir die Stellen gemeint haben oder nicht, und wo wir uns uneins sind. Zuletzt sprechen wir auch darüber, was ein Podcast eigentlich ist. Es entsteht eine Mischung aus gedanklicher Rekonstruktionen, medientheoretischer Grundsatzdiskussion und Stilkritik.  Wie immer ein unabgeschlossener Gedankengang, ein „Verfertigen unserer Gedanken beim Reden“.

Hinter den Dingen

Mit Jenni Brichzin und Sebastian Schindler über politische Erkenntnis

Kaum etwas prägt die Wahrnehmung von Politik in der modernen Demokratie so wie der Verdacht. Politik ist zu einem guten Teil Darstellung. Ihre Wahrnehmung lebt so vor allem von der Frage, welche Mächte, welche Interessen und Strukturen „hinter“ der politischen Auseinandersetzung stecken. Dieses kritische Denken hat uns gelehrt, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen. Doch kann der automatisierte Blick „hinter“ die Dinge auch ein Hindernis bei der Erkenntnis darüber sein, wie die Welt funktioniert.

In einem Aufsatz im Leviathan haben sich unsere Gäste Jenni Brichzin und Sebastian Schindler damit beschäftigt, warum es ein Problem sein kann, immer „hinter“ die Dinge blicken zu wollen. Den Ausgangspunkt bildet ihre ethnografische und historische Politikforschung. Der Vorwurf aus der scientific community war dabei regelmäßig: Eigentlich ginge es doch nur um Macht und Interessen. Dagegen betonen die Autoren, dass es gerade die Oberfläche ist, die zu erforschen sich lohnt.

In der Sendung sind wir uns zunächst uneins, wie stark man verschwörungstheoretisches und sozialwissenschaftliches Denken miteinander identifizieren kann. Fragen wirft auch der Begriff der Oberfläche auf. Wie greift man darauf zu? Hier helfen Hannah Arendt und Bruno Latour weiter. Es geht um ein Verhältnis zum Wissen: Eine Haltung, Unsicherheit nicht als Defizit, sondern als Ressource von Erkenntnis zu verstehen. Das „oberflächliche“ Denken will allerdings gelernt sein. Muss man das Staunen über die soziale Welt im Lehrplan verankern?

Bedingungslos und für alle

Mit Michael Bohmeyer über das bedingungslose Grundeinkommen

Das Zeitalter der großen gesellschaftlichen Gegenentwürfe ist vorbei, wird immer wieder behauptet. Der Raum des politisch Denkbaren schrumpfe zusammen und es bleibe nur Technokratie und Alternativlosigkeit. Erstaunlicherweise ist es gerade ein radikales Konzept, das in der Debatte aktuell für Aufsehen sorgt: das bedingungslose Grundeinkommen ist historisch ohne Vorbilder und findet aktuell Befürworter und Kritiker auf allen Seiten des poltischen Spektrums.

Für unseren Gast Michael Bohmeyer, den Gründer von Mein Grundeinkommen, geht es dabei nicht so sehr um die Fragen des alten Sozialstaats, sondern um die Frage, wie das gute Leben im 21. Jahrhundert aussehen kann. Zusammen mit seinem Team hat er inzwischen an 300 Menschen ein einjähriges Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat verlost.

Wir wollen es genau wissen. Welche Probleme löst das Grundeinkommen wirklich: digitalisierte Arbeitswelt, Klimaschutz, Populismus, Burnoutgefahr? Und wie soll das funktionieren? Kann der klassische Sozialstaat das nicht auch? Ist das bedingungslose Grundeinkommen eher links oder eher wirtschaftsliberal? Vielleicht steht Mein Grundeinkommen ja auch für eine neue Form des Politischen. Ein sozialer Experimentalismus, der (vorerst) wenig Theorie hat und keine Agenda, der nicht belehrt und der keine Parteien gründet – eine reine Praxis. Kann das funktionieren?

Hands-on-Philosophie

Mit Dagmar Borchers über Angewandte Philosophie

Die Philosophie ist nicht mehr das, was sie mal war. Sagen manche. Zu verwissenschaftlicht, zu sehr in hochspezialisierten Forschungsprogrammen befangen, zu wenig an den eigentlichen Problemen „der Gesellschaft“ interessiert. Die Binse vom Elfenbeinturm ist allseits bekannt; was die Philosophie hingegen für das Verständnis unserer drängendsten Probleme leistet, ist eine schwierige, ja philosophische Frage.

Wir diskutieren darüber mit Dagmar Borchers, Professorin für Angewandte Philosophie an der Universität Bremen. Für Borchers habe die akademische Philosophie durchaus zu unzähligen Rätseln der Gegenwart etwas zu sagen, von der Sterbehilfe bis zur künstlichen Intelligenz, von der Quantenmechanik bis zur Neurowissenschaft, vom Terrorismus bis zum Staatsrecht. Angewandte Philosophie sei aber nur möglich in einem Zusammenspiel von interdisziplinärer Debatte und der Rückbindung an die philosophische Grundlagenforschung.

Wie kann das philsophische Wissen an die Öffentlichkeit gebracht werden? Wie kann das Wissen anderer Disziplinen angeeignet und philosophisch reflektiert werden? In Bremen soll das ab dem Sommersemster 2019 auch der Masterstudiengang Angewandte Philosophie vermitteln.

Digitale Entmündigung

Mit Rainer Mühlhoff über Manipulation durch User Experience Design

Im digitalen Raum findet ein Kampf um Aufmerksamkeit statt. Unser Verhalten wird dafür auf den meisten Websites und in den meisten Apps aufgezeichnet. Dabei geht es nicht nur um ein möglichst genaues Bild vom Verhalten der Nutzer. Die „Daten“ sind auch Basis eines Designs, das unsere Aufmerksamkeit und unser Verhalten in die gewünschten Bahnen lenken soll.

Rainer Mühlhoff beschäftigt sich mit eben diesem Thema und hat kürzlich einen Aufsatz dazu im Leviathan veröffentlicht. Unter dem Begriff der „digitalen Entmündigung“ beschreibt er ein Zusammenspiel aus umfassender Datensammelei, manipulativer Gestaltung von Interfaces und einer „Versiegelung von Oberflächen“. Dabei werde den Nutzern das technische Verständnis der Geräte und Anwendungen immer mehr erschwert.

Wir fragen uns, was an der Situation wirklich neu ist und was altbekanntes betriebswirtschaftliches Kalkül. Was ist der Unterschied zwischen Usability und User Experience Design? Denkt die Industrie unter Stichworten wie „Humane Technology“ oder „Time Well Spent“ nicht schon um? Und welche Rolle spielen wir selbst bei all dem? Wollen wir überhaupt mündig sein?