Das letzte Leben des Neoliberalismus

Mit Dieter Plehwe über neoliberale Netzwerke

Neoliberal“ ist einer dieser Begriffe, die so inflationär verwendet worden sind, dass man sie nicht mehr hören kann. Mal benennt er die Forderung nach „weniger Staat“, mal unternehmerische Subjektivierung, mal eine zeitgenössische Variante des Kapitalismus – die Vieldeutigkeit hat aus dem linken Leitbegriff ein unspezifisches Klischee gemacht.

Dieter Plehwe, Politikwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, gibt dem Wort hingegen wieder eine ganz konkrete Bedeutung. Neoliberalismus, so sein Ansatz, ist das Denken und die Lehre einer bestimmten Gruppe von Wissenschaftlern und Intellektuellen, die seit der Nachkriegszeit organisiert eine politische Agenda starkmachen. In den letzten Jahren hat er als Teil eines internationalen Forscherteams die komplexen Netzwerke und ideengeschichtlichen Verbindungen der Neoliberalen untersucht. Die Ergebnisse sind zuletzt in The Nine Lives of Neoliberalism erschienen (bei Verso und im Open Access).

In der Sendung sprechen wir über die historischen Hintergründe der Entstehung der Mont Pèlerin Society, ihren wechselnden Einfluss im Lauf der letzten Jahrzehnte, ihre Mitglieder und Strategien. Unsere Diskussion kreist dabei immer wieder um die Frage der Differenziertheit und Eigenständigkeit der neoliberalen Lehre. Steht das so oft beschworene Ende des Neoliberalismus wirklich in absehbarer Zeit bevor?

Wohlstand an der Grenze

Mit Max Koch über nachhaltige Wohlfahrt

Wir sind in der letzten Phase präventiver Klimapolitik. Die 2020er-Jahre werden entscheidend sein, um das globale Klimasystem stabil zu halten. Sollte der Pfad des grünen Wachstums nicht die notwendigen Emissionsverringerungen erreichen, wird es notwendig sein, in einer stagnierenden Ökonomie die Produktions- und Konsumtionsraten den biophysikalischen Grenzen des Planeten anzupassen.

Der Weg einer Postwachstumsökonomie bringt allerdings eine ganze Reihe neuer Probleme auf den Plan. Das Konsumniveau der Industrieländer wird unhaltbar. National und global bekommt die Verteilungsfrage eine neue Dringlichkeit. Wie muss ein Wohlfahrtsstaat aussehen, der Grundbedürfnisse sichern und Verschwendung sanktionieren will?

Unser Gast Max Koch arbeitet am Konzept der nachhaltigen Wohlfahrt. Mit ihm sprechen wir über die enge Verbindung des Wohlfahrtsstaats mit der Wachstumswirtschaft der Nachkriegszeit und über öko-soziale Politikinstrumente. Für Koch bräuchte es eine demokratische Transformation in allen institutionellen Teilbereichen der Gesellschaft – eine unwahrscheinliche Perspektive ohne historisches Vorbild. Aber möglich wäre sie.

Durch Raum und Zeit

Mit Gunter Weidenhaus über soziale Raumzeit

Die soziale Welt hat ihre eigenen Maßstäbe. Raum und Zeit sind in ihr nicht nur physikalische Größen: Eine Heimat ist keine geographische Koordinate, eine Lebensgeschichte ist keine objektive Chronologie. Menschen konstituieren Zeit und Raum als sinnhafte Arrangements von Ereignissen und Dingen.

Für unseren Gast Gunter Weidenhaus sind Raum und Zeit in der Lebensgeschichte konstitutiv miteinander verbunden. In seiner Studie Soziale Raumzeit hat er erstmals ihren Zusammenhang empirisch untersucht. In biographischen Interviews erkundet er die auffällige Kopplung von räumlicher und zeitlicher Lebensstruktur. Während einige Menschen das geradlinige Leben mit festem Zentrum verwirklichen wollen, leben andere bereits räumlich ungebunden in losen Lebensepisoden. Eine dritte Gruppe führt ein Inseldasein in einer ewigen Gegenwart.

Die Ergebnisse haben nicht zuletzt gegenwartsdiagnostisches Potential. Ein Wirtschaftssystem, das den Arbeitnehmern immer höhere Flexibilität abverlangt, setzt ein bürgerliches Lebensmodell unter Druck, das sich um einen festen Wohnort und langfristige Lebensplanung bemüht. Weidenhaus‘ Theorie kann damit den aktuellen Gesellschaftsanalysen eine raumzeitliche Dimension hinzufügen und das Verständnis sozialer Pathologien vertiefen.

Höher, schneller, weiter

Mit Dirk van Laak über die Geschichte der Infrastruktur

Ob die morgendliche Dusche, das Pendeln zur Arbeit oder das Hören von Podcasts – unser Alltag ist nicht denkbar ohne die Leistungen, die Infrastrukturen bereitstellen. Bewusst wird uns das nur, wenn sie nicht funktionieren, das Internet zu langsam, das Wasser kalt, der Strom ausgefallen ist. Hinter dieser Selbstverständlichkeit stecken Jahrhunderte von technischem Fortschritt und der Entwicklung von Nutzungspraktiken – inklusive dem, was inzwischen wieder vergessen ist.

In seinem Buch Alles im Fluss hat Dirk van Laak (Uni Leipzig) sich mit der modernen Geschichte der Infrastruktur auseinandergesetzt. Für ihn war Infrastruktur nie ein einheitliches Großprojekt, das einfach von oben nach unten durchgesetzt wurde. Unterschiedliche Akteure verbanden ganz unterschiedliche Interessen und Vorstellungen mit ihr. Aus dem Stückwerk entstanden jedoch die modernen „Fließräume“: einheitliche Strukturen von Zeit und Raum, in denen die Weltgesellschaft bis heute wächst und sich beschleunigt.

Neben der Geschichte, die wir ausführlich besprechen, landen wir auch im Heute. Denn Infrastrukturen spielen eine wichtige Rolle bei der Abschätzung, wie wir ökologischen, biologischen und sicherheitspolitischen Herausforderungen begegnen können. Was ist echter Sachzwang und was historische Kontingenz?

Call for Papers: Podcasts in der Soziologie

Ad-hoc-Gruppe auf dem DGS-Kongress 2020

Die Wissenschaft ist in einer Phase des Experimentierens. Sie sieht sich mit einer digitalen Welt konfrontiert, die ungeahnte Möglichkeiten der Verbreitung von Informationen bietet und zugleich eine handfeste Herausforderung jeder akademischen Autorität darstellt. Podcasts haben innerhalb dieser Phase eine außerordentliche Popularität erlangt. Zugleich ist ihre epistemologische, medienwissenschaftliche und intellektuelle Bestimmung gerade auch für die Sozial- und Geisteswissenschaften noch weitgehend offen.

Um die verschiedenen Zugänge, Ansätze und  Erfahrungen für die deutsche Soziologie zu vernetzen, haben wir eine Ad-hoc-Gruppe unter dem Titel „Podcasts in der Soziologie“ auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie beantragt, der vom 14. bis 25. September – wegen der Corona-Krise nun mehr online – stattfindet. Diese wurde glücklicherweise aufgenommen!

In der Ad-hoc-Gruppe wollen wir in Vorträgen und Diskussionen abstecken, was der Podcast für die Soziologie leisten kann: als Verbreitungsweg klassischer Formate, als neue Form von Wissenschaftskommunikation oder gar als Erkenntnismethode.

Fragen sind: Welche Funktionen können Podcasts für die soziologische Wissensproduktion entfalten? Welche disziplinären und praktischen Hürden gibt es dafür? Wie lässt sich ihr Verhältnis zur wissenschaftlichen Publikation, zu anderen digitalen Formaten (Blogs, Social Media) und zu klassischen Massenmedien bestimmen? Wie lässt sich der Podcast im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Journalismus und PR einordnen? 

Zur Beantwortung dieser Fragen möchten wir verschiedene Perspektiven zusammenbringen. Wenn ihr Lust habt, euer Thema vorzustellen, dann reicht also eure Abstracts ein! Die Vorträge sollten eine Länge von ca. 20 Minuten haben.

Schickt euren Vorschlag mit dem Titel des Vortrags sowie einem Abstract (ca. 2400 Zeichen) bitte bis zum 29. Mai 2020 an hierist@dasneue.berlin. Im Vorfeld beantworten wir über diese Adresse natürlich auch gerne alle Fragen.

Achtung: Um einen Vortrag in der Ad-hoc-Gruppe zu halten, müsst ihr am Kongress teilnehmen. Wegen der Corona-Krise findet dieser nun online statt. Alle weiteren Informationen findet ihr hier.