Postmoderne Katerstimmung

Mit Oliver Schlaudt und Mark Fischer über die neue Faktenliebe

Das Projekt der Postmoderne hat einen schlechten Ruf. Während ein populistischer Lügner nach dem anderen demokratische Wahlen gewinnt, wissenschaftliche Erkenntnis mit dreister Ignoranz geleugnet und seriöser Journalismus als Lügenpresse denunziert wird, scheinen die philosophischen Moden des letzten Jahrhunderts geradezu anrüchig. Relativisten und Konstruktivisten hätten der Unvernunft die Tore geöffnet, der Beliebigkeit den Weg bereitet und obendrein die Linke auf den Irrweg der Identitätspolitik geschickt.

Wir diskutieren darüber mit den Wissenschaftsphilosophen Oliver Schlaudt und Mark Fischer, die dem Thema den Aufsatz Fakten, Fakten, Fakten im Merkur gewidmet haben. In ihrem Text zeigen sie, wie untauglich das alte Arsenal der Wissenschaftlichkeit – Fakten, Wahrheit, Realismus – im Kampf gegen die postfaktische Revolte ist. Im Gegenteil: Wenn Fakten als komplexe gesellschaftliche Produkte verstanden werden, eröffneten sich sogar neue Möglichkeiten, die blinden Flecken der Forschung zu erkennen und seriöse Medienkritik zu betreiben.

Wir debattieren, wie die aktuelle Situation zu verstehen ist. Welche Analogien bestehen zwischen der Lage in Wissenschaft, Journalismus und Politik? Und wie lässt sich der grobe Irrationalismus von Klimaleugnern und Wutbürgern zurückweisen, ohne dabei hinter das Reflexionsniveau konstruktivistischer Wissenschaftstheorie zurückzufallen?

Musik: Broke For Free – A Beautiful Life

Wählen wider Willen

Mit Hedwig Richter über die Sozialgeschichte moderner Wahlen

Als Regierungsform ist die Demokratie ein Erfolgsmodell. Allen Unkenrufen zum Trotz gilt sie weiterhin als die ultimative moderne Errungenschaft, als Emanzipationsprojekt par excellence. Die Geschichte der Demokratie hingegen ist keinesfalls so linear, eindeutig und bruchlos, wie die große Erzählung nahelegt.

Die Historikerin Hedwig Richter entdeckt in ihren Arbeiten über moderne Wahlen und das Frauenwahlrecht einige Paradoxien. Nicht „das Volk“ forderte Wahlen ein; eine liberale Elite habe sie gegen anfänglichen Unmut durchsetzen müssen. Demokratie entspringe keinem natürlichen Freiheitsstreben, sondern sei im Gegenteil untrennbar verbunden mit der Disziplinierung und Erziehung moderner Staatsbürger.

Wir diskutieren, ob die moderne Wahlgeschichte tatsächlich als eine Demokratisierung von oben erzählbar ist, ob sich Demokratie jemals ganz verwirklichen kann und welche politischen Schlussfolgerungen sich aus historischer Forschung ziehen lassen. Demokratie zeigt sich dabei im Spannungsfeld von Unterwerfung und Befreiung, Ermöglichung und Beschränkung, Fortschritt und Kontingenz.

Musik: Drake Stafford – Just Wait

Wie Roboter auf die Welt kommen

Mit Andreas Bischof über epistemische Praktiken in der Sozialrobotik

Wie lange haben wir noch, bis uns humanoide Roboter endgültig ersetzen werden? 20, 50, 100 Jahre? Andreas Bischof (Homepage, Twitter) sagt: Das ist die falsche Frage. Er ist Techniksoziologe an der TU Chemnitz und hat erforscht, wie humanoide Roboter entwickelt werden. Dazu ist er in Robotik-Labore gegangen, hat Konferenzen besucht und ausführlich mit Wissenschaftlerïnnen gesprochen. Wir sprechen in der Sendung über die Ergebnisse dieser Ethnografie, die 2016 unter dem Titel Soziale Maschinen bauen bei Transcript erschienen ist.

Zunächst lernen wir, was der Unterschied ist zwischen den alten und den neuen, sozialen Robotern. Letztere müssen sich in der „echten Welt“, also relativ unkontrollierten Umwelten bewegen: Eine echte Herausforderung. Dass das Feld sich stark von Vorbildern aus der Science Fiction leiten lässt, macht die Sache dabei nicht leichter. Zwar besteht durchaus ein Vermögen, sich auf die Komplexität des Sozialen einzulassen, doch als wissenschaftlich gilt das nicht und wird in der Publikation unsichtbar gemacht. Umso sichtbarer ist die Inszenierung des Menschenähnlichen, wie wir sie von den furchteinflößenden Laufrobotern von Boston Dynamics kennen. Was hat es damit auf sich?

Musik: Nctrnm – Sweat

Nachrichtenarm

Mit Maja Malik über Armut in den Medien

Man ist nicht nur einmal im Jahr arm. Arm sein heißt, die dunkle, kleine Wohnung, die schlechte Luft im schlechten Kiez, das schlechtere Essen, die schlechtere Schule, den härteren Job — Jahre, Jahrzehnte, ein Leben lang. Das ist aber keine Neuigkeit. So wie viele andere Themen, die eher strukturelle, dauerhafte Probleme betreffen, bietet die Armut nur gelegentlich Anlass zur Berichterstattung. Die Aufmerksamkeitsökonomie der Massenmedien folgt anderen Gesetzen als die Alltäglichkeit der Sozialstruktur.

Wir sprechen mit Maja Malik, die eine der wenigen systematischen empirischen Studien zur Armutsberichtserstattung in Deutschland publiziert hat. Das Ergebnis: Armut ist durchaus ein präsentes Thema in Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen. Sobald eine neue Studie herauskommt oder ein Politiker sich kontrovers äußert, bekommt die Armut die nötige Aktualität. Zugleich bleiben politische Hintergründe oft unerklärt und die Betroffenen kommen selten selbst zu Wort.

Haben wir es hier mit einem allgemeinen Problem der Öffentlichkeit zu tun? Muss der Journalismus seine Beziehung zur Aktualität überdenken? Müsste er noch stärker eigene Themen setzen, als auf Tagespolitik nur zu reagieren? Finden wir in den journalistischen Rechercheverbünden oder sogar auf YouTube Gegenmodelle?

Musik: Drake Stafford – Just Wait

Die Politik der Blockchain

Im Gespräch mit Rainer Rehak

Der große Hype um die Blockchain ist vorbei. Ein guter Zeitpunkt, um noch einmal darüber zu sprechen. Dazu haben wir uns mit Rainer Rehak vom Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft getroffen. Er hat im letzten Jahr einen Text über die Blockchain in den WZB-Mitteilungen geschrieben. Darin versucht er, die Technologie jenseits der populären Goldgräberstimmung politisch zu lesen. Seine These: Die Blockchain ist ein Versuch, gesellschaftliches Vertrauen durch Technik zu substituieren.

Die Blockchain soll es ermöglichen, Konsens ohne zentrale Instanzen herzustellen. Wir diskutieren zunächst, inwiefern das, was damit technisch gemeint ist, überhaupt auf realweltliche Probleme übertragbar ist. Was taugt die Technologie, wenn es beispielsweise um alternative Konzepte für die Finanzwelt geht? Bei genauerer Betachtung weist der libertäre Geist der Blockchain einige blinde Flecken auf. Indem man glaubt, auf soziale Aushandlung verzichten zu können, verschleiert man gerade den strukturellen Charakter von Code und die Macht der Netzwerke. Die unsichtbare Hand der Blockchain ist ein fragwürdiger Technikoptimismus.

Zuletzt sprechen wir auch über über die ‚real existierende Blockchain‘ und die Probleme, in die Bitcoin oder Ethereum geraten sind. Folgt daraus eine technikkritische Verteidigung des Altbekannten? Was kann man mit der Blockchain anfangen, wenn sie nicht mehr bloß technizistisch aufgeladene Universallösung ist?

Musik: Die Dschungel – Aus Dem Katalog