Besser talken

Mit Oliver Weber über die deutschen Polit-Talkshows

Die deutschen Talkshows haben keinen guten Ruf. Oberflächlich, krawallsüchtig, populistisch. Ja sogar die AfD sollen sie mit groß gemacht haben. All das stimmt, sagt Oliver Weber, aber das festzustellen, hilft nicht mehr weiter. In seinem Buch Talkshows hassen macht er deswegen den Versuch, etwas Intelligenz in die Diskussion über die deutsche Talkshow zu bringen – mit der Aussicht, dass sie als Format politischer Selbstverständigung vielleicht noch zu retten ist.

Während die repräsentative Demokratie in ihrer Bevölkerung und in ihren Institutionen diverser, europäischer und globaler geworden ist, verharrt die Talkshow nach Weber im Kokon des Nationalstaats und verkleinert die Weltkarte auf wenige Länder. Inhaltlich und personell drehen sich die Sendungen im Kreis, verbeißen sich in Dauerthemen, beschwören wöchentlich die Krise und lassen die immer gleichen Diskutanten aneinander vorbeireden.

Am Beispiel der AfD besprechen wir, wie schief es gehen kann, wenn Talkshows kein eigenes thematisches Sendungsbewusstsein haben und behaupten, sie würden den öffentlichen Diskurs nur abbilden: Sie bleiben auf Stammtischniveau und damit dem Populismus artverwandt. Für die Zukunft gibt es so kaum fertige Rezepte. Es braucht ein neues publizistisches Selbstverständnis.

Musik: Nctrnm – Xenon

Weltkatastrophen

Mit Martin Repohl über Materialität und Weltbeziehung

Im Anthropozän lässt sich die Natur nicht mehr länger nur als „Umwelt“ behandeln. Sie erscheint nicht mehr als Außenstehende der Moderne, als Ressourcenpool und Externalität. Sie wird unkalkulierbar, unstet, bedrohlich und verändert damit das Beziehungsgefüge, das zwischen Menschen und ihrer Lebenswelt besteht. 

Unser Gast Martin Repohl versucht dieses Spannungsfeld auf den soziologischen Begriff zu bringen. Im Anschluss an Rosas Soziologie der Weltbeziehungen analysiert er in seinem Buch die paradigmatische Umweltkatastrophe des letzten Jahrhunderts: Tschernobyl. Dabei fragt er nach der Rolle der Materialität für die Weltbeziehung der Bevölkerung in den verstrahlten Regionen im Umfeld des Kraftwerks. Die Radioaktivität ist unsichtbar, verteilt sich, verbindet sich mit Pflanzen, Tieren und Menschen. Sie bleibt ewig, zerstört unwiederbringlich die Normalität des Alltags. Tschernobyl wird so zu einer Katastrophe der Lebenswelt – zu einer Weltkatastrophe.

Für Repohl ist die stoffliche Lebenswelt nicht vollständig deutungsoffen. Die Beziehung, die wir zur Welt entwickeln, ist also keine bloße soziale Konstruktion, sondern abhängig von Materialität. Wir fragen uns im Anschluss: Lässt sich das auch auf den Klimawandel übertragen? Geht uns auch hier die Normalität unserer Welt verloren? Kann man den Blumen auf dem Balkon noch trauen?

Musik: JBlanked – Been On

Das halbe Leben

Mit Lisa Herzog über die Zukunft der Lohnarbeit

So bald werden uns die Algorithmen die Jobs nicht wegnehmen. Die Lohnarbeit bleibt für die meisten Grundlage des Broterwerbs, der gesellschaftlichen Teilhabe und der eigenen Identität. Wie die Zukunft der Lohnarbeit aussieht, hängt aber nicht so sehr von genialen Unternehmern oder technischem Fortschritt ab, sondern von politischem Gestaltungswillen.

Das ist das Plädoyer unseres Gastes Lisa Herzog in ihrem Buch »Die Rettung der Arbeit«. Bei der Lohnarbeit gehe es nicht nur ums Geldverdienen. Anerkennung, persönliches Wachstum, Gemeinschaft und Sinn als Aspekte gelingenden Lebens sollten nicht auf die Freizeit beschränkt sein, sondern sich graduell auch in der Lohnarbeit verwirklichen lassen.

Wir sprechen mit Herzog darüber, was gute Arbeit ausmacht, und diskutieren über sinnvolle Arbeitszeiten, Eigentumsverhältnisse und die Bedeutung kollektiver Interessenvertretung. Dabei empfiehlt Herzog ein altes Projekt neu zu beleben: die Demokratisierung der Arbeitswelt.

Musik: JBlanked – Been On

Denken in Faltungen

Mit Robert Seyfert über transvitalistische Lebenssoziologie

Die Soziologie hat einen aktivistischen Bias, sagt unser Gast Robert Seyfert. Immer müsse etwas gemacht werden, damit Gesellschaft entstehe. Wer oder was da aktiv ist, das wird einfach vorausgesetzt: Individuum, Handlung oder Kommunikation. Unbeachtet bleibt das Werden, die Hybridität, die Unabgeschlossenheit des Sozialen. So hat Seyfert das Programm einer transvitalistischen Lebenssoziologie formuliert, die wir uns in dieser Folge ausführlich erklären lassen.

Schon mit den Grundbegriffen tun wir uns schwer: vom „Leben“ über die „Suspension“ bis zur „Immanenz“. Wir versuchen, das Programm zu verorten: soziologisch, ideengeschichtlich, metaphysisch. Wir lernen ein Denken in Strömen, Relationen, Faltungen kennen – jenseits der hartnäckigen Differenzen von Subjekt und Objekt, System und Umwelt, Individuum und Gesellschaft.

Schließlich fragen wir auch nach dem politischen Charakter des Projektes. Was geht verloren, wenn die bürgerlichen Begriffe des Subjektes, des Individuums und seiner Freiheit nicht mehr im Zentrum soziologischen Denkens stehen? Hilft die Lebenssoziologie dabei, eine Gesellschaft zu denken, die sich wieder auf die Welt einlässt?

Musik: JBlanked – The Question

Rechte Rebellen

Mit Maurits Heumann über den neuen Autoritarismus

Prekarisierung, Identitätsverlust, Repräsentationslücke – die eine Erklärung für Rechtspopulismus gibt es nicht. Wenn die strukturelle Großtheorie nicht gelingen mag, lohnt sich der Blick in die Tiefe und an die hybriden Ränder der politischen Großregionen.

Unser Gast Maurits Heumann hat zusammen mit Oliver Nachtwey eine explorative Studie zum neuen Autoritarismus vorgelegt. In 16 Interviews befragte das Forscherteam AfD-Sympathisanten, die sich zugleich auf der linken Kampagnenplattform Campact engagierten. Sie sprachen mit ihnen über ihre beruflichen und politischen Biographien, über die „Flüchtlingskrise“, über „Bürgerkrieg“ und den starken Staat.

In den Gesprächen ließen sich zwei Typen erkennen: der autoritäre Innovator und der regressive Rebell. Der eine sieht die gesellschaftliche Ordnung durch Flüchtlinge gefährdet und wählt strategisch AfD. Der andere will das ganze System brennen sehen. Gemeinsam ist ihnen ein Blick auf die Politik, in der alles auf die Migrationsfrage verweist sowie das Ideal der Souveränität: für den einen die staatliche, für den anderen die individuelle.

Musik: JBlanked – Send Me