Weltkatastrophen

Mit Martin Repohl über Materialität und Weltbeziehung

Im Anthropozän lässt sich die Natur nicht mehr länger nur als „Umwelt“ behandeln. Sie erscheint nicht mehr als Außenstehende der Moderne, als Ressourcenpool und Externalität. Sie wird unkalkulierbar, unstet, bedrohlich und verändert damit das Beziehungsgefüge, das zwischen Menschen und ihrer Lebenswelt besteht. 

Unser Gast Martin Repohl versucht dieses Spannungsfeld auf den soziologischen Begriff zu bringen. Im Anschluss an Rosas Soziologie der Weltbeziehungen analysiert er in seinem Buch die paradigmatische Umweltkatastrophe des letzten Jahrhunderts: Tschernobyl. Dabei fragt er nach der Rolle der Materialität für die Weltbeziehung der Bevölkerung in den verstrahlten Regionen im Umfeld des Kraftwerks. Die Radioaktivität ist unsichtbar, verteilt sich, verbindet sich mit Pflanzen, Tieren und Menschen. Sie bleibt ewig, zerstört unwiederbringlich die Normalität des Alltags. Tschernobyl wird so zu einer Katastrophe der Lebenswelt – zu einer Weltkatastrophe.

Für Repohl ist die stoffliche Lebenswelt nicht vollständig deutungsoffen. Die Beziehung, die wir zur Welt entwickeln, ist also keine bloße soziale Konstruktion, sondern abhängig von Materialität. Wir fragen uns im Anschluss: Lässt sich das auch auf den Klimawandel übertragen? Geht uns auch hier die Normalität unserer Welt verloren? Kann man den Blumen auf dem Balkon noch trauen?

Musik: JBlanked – Been On

Ein Gedanke zu “DNB041: Weltkatastrophen

  1. Für Repohl ist die stoffliche Lebenswelt nicht vollständig deutungsoffen. Die Beziehung, die wir zur Welt entwickeln, ist also keine bloße soziale Konstruktion, sondern abhängig von Materialität.“

    Die soziale Konstruktion von Materialität ist eine, die gewiss niemals ohne irgendeine Form von Materialität der Umwelt möglich ist, aber jede Form der Umweltmaterialität ist für die soziale Konstruktion ihrer Beobachtbarkeit niemals eine die Beobachtung determinierende Form. So ist eine jede Umweltbeziehung für einen Beobachter davon abhängig, dass eine Umwelt durch Perspektive und Selektion, durch Auswahl, Generalisierung und Spezifizierung, durch Symbolisierung und Bezeichnung rekursiven, also nachholenden und vervollständigenden Konsistenzprüfungen zugänglich ist, aber die Zugänglichkeit wird durch die Operation der Konstruktion eröffnet, nicht durch die Umwelt selbst, denn andernfalls ergäbe sich nur eine Differenzlosigkeit, die jede Beobachtbarkeit der Umwelt zum Verschwinden bringt.
    Die soziale Konstruktion von Materialität gelingt demzufolge nur, wenn sie zugleich die Möglichkeit eröffnet, dass nicht alles nur eine soziale Dimension hat. Denn auch in diesem Fall würde, wo dies unberücksichtigt bliebe, zuviel aussortiert, dass der Differenzierung erst noch bedarf. Soziale Konstruktionen sind also von ihrer eigenen Weltoffenheit abhängig, also davon, dass immer auch Lücken, Löcher, Defizite bleiben, die man wahlweise auf den Beobachter einer Umwelt oder auf die Umwelt eines Beobachters als Mangelerscheinung zurück führen kann. Materialität ist dann weder eine schon geprägte soziale Realität, noch eine bloß der Umwelt zugeordnete Eigenschaft, sondern eine zunächst eigenschaftslose Beobachtung, die sich empfänglich für ihre eigene Kontingenz macht und die sich auf diese Weise ihrer Determination aussetzt um Erfahrung und Vergewisserung generieren zu können.
    So ist Materialität, wie immer man diesen Begriff übersetzen mag, vielleicht als Stofflichkeit, vielleicht als zergliederbare Widerständigkeit der Wahrnehmung, die nicht selbst Wahrnehmung ist, keineswegs deutungsoffen, weil der Beobachter aufgrund seiner Detemniertheit infolge von Beobachtungskontingenz nicht deutungsoffen, sondern deutungsstrukturiert ist.
    Es handelt sich hier wie in vielen anderen Fällen auch um ein Missverständnis hinsichtlich der Möglichkeit sozialer Konstruktionen. Soziale Konstruktionen sind keine Imaginationen, die nur durch Verständigung geteilt werden, sondern sind die real wirksamen Beobachtungswiderstände, die sich aus der Beobachtung selbst ergeben und die gerade darum Konsistenz prägen.

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