Alles nur geklaut

Wie geht Wissenschaft ohne Plagiate?

Es hat sich herumgesprochen: Nicht alle wissenschaftlichen Arbeiten sind einwandfrei. Die Jagd auf Plagiatoren läuft seit Jahren und hat inzwischen manche Karriere beendet. Zuletzt beschäftigte die Soziologie die Diskussion um Cornelia Koppetsch. Anlass für uns, das Plagiieren nicht als moralische Verfehlung Einzelner zu geißeln, sondern über seinen sozialen Sinn zu spekulieren. Welches Problem löst das Plagiat, und geht es auch ohne?

Wir nähern uns dem Problem step by step an, sprechen über Skandale und über Gründe für das Plagiieren. Das wissenschaftliche Zitat, so stellen wir fest, hat viele Funktionen. Neben dem, was beim Plagiat fehlt, nämlich dem Quellenverweis, kann es auch mehr sein. Eine Einladung zum Weiterlesen. Leider sind Texte oft eher Produkte auf akademischen Wissensmärkten. Und als solche müssen sie vor unlauterem Wettbewerb, vor Zitationskartellen und eben Plagiaten geschützt werden. Auch im Fall Koppetsch geht es um den Markenschutz von Gesellschaftsdiagnosen, nicht um deren Erkenntnisgehalt.

Dank Hinweisen von Peter Fuchs stellen wir fest: Digitalisierung vermehrt nicht nur Wissen, sondern auch Anomie auf Wissensmärkten (siehe auch Episode 5). Plagiieren ist in diesem Sinne eine Innovation; wer sich dabei erwischen lässt, ist einfach nicht innovativ genug. Fortschritt ließe sich dadurch erzielen, Plagiatssoftware einfach in die wissenschaftliche Methodenlehre zu übernehmen. Ist ein Plagiat, das man auf Vorschlag der Software bis zur objektiven Unerkennbarkeit abändert, überhaupt noch eines?

Musik: Nctrnm – Sweat

3 Gedanken zu “DNB046: Alles nur geklaut

  1. Hi zusammen, das hat gr. Spaß gemacht. Sehr inspirierend. Ich mache viel Propädeutik … und rede mir gelegentlich den Mund fusselig über das Warum des redlichen Arbeitens, wozu das gut ist. Eine wiederkehrende Frage: Warum darf ich Podcasts nicht zitieren? Gute Frage.

  2. Ein kurzer Kommentar zum Thema: Bereicherungskonkurrenz im Unterschied zu Verdrängungskonkurrenz — dieser Unterschied ist am Ende des Gesprächs thematisiert worden, aber wäre es Wert, in einem weiteren Podcast ausführlicher besprochen zu werden. Verdrängungskonkurrenz ist uns allen bekannt und wird durch Schule und Ausbildung antrainiert. Verdrängungskonkurrenz findet statt innerhalb von Organisationen, dort geht es um Karrieren und zwischen Organisationen, dort geht es um Kapitalvermehrung. Mir scheint, die Bereitschaft zur Verdrägungskonkurrenz, inkl. aller sozialen Anstrengungen zur Vermehrung von Motiven ihrer Reproduktion, ist eine spezifisch moderne Reflexion von Nichtwissen: Wenn soziale Ordnungen keine tradionellen Begründungen mehr zulassen, wenn die Löslösung aus überlieferten Ordnungen gelingt, weil Standesunterschiede nicht mehr so einfach gelten, wenn neue Horizonte eröffnet werden, die nicht nur sehr viel versprechen, sondern einen gewissen Teil dieser Versprechungen auch einlösen (ein Phänomen, das man früher Fortschritt nannte), wenn Menschen als Individuen frei gesetzt sind, für die letzte Antworten und ewige Wahrheiten nicht mehr gelten, wenn eine Gesellschaft es also schafft, ihren generationenlangen Problemüberhang, der sich durch die feudale Zeit vergrößert hat, nach und nach abzubauen, weil Verdrängungskonkurrenz sehr gut dazu geeignet ist, diesen Problemüberhang zu bearbeiten, dann ist dies eine sehr erfolgreiche Form der sozialen Kooperation: Kooperation, also Mitwirkung ohne zentrale Steuerungsinstanz, durch Konkurrenz, um auf diese Weise das Nichtwissen um die Möglichkeit einer solchen Gesellschaft zu verwalten. Verdrängungskonkurrenz ist deshalb so erfolgreich, weil sie dabei hilft, nicht wissen zu müssen, wie die Welt überhaupt zustande kommt. Daher ist das Wissen um diese Zusammenhänge relevant geworden und wird wiederum durch Konkurrenz im Wissenschaftsbetrieb in seine epistemologische Unerkennbarkeit überführt: Zu sagen „Ich weiß es“ heißt auf die Folgen zu achten, die sich zeigen, wenn andere sich trauen, das auch zu sagen.
    Diese Kooperation durch Konkurrenz ist nun tatsächlich korrupt geworden, ist in Anomie überführt, weil sie es geschafft hat, den Problemüberhang abzutragen, aber die Institutionen, die damit geschaffen wurden, bleiben erhalten. Zu diesen Institutionen zählen beispielsweise staatliche Grantien wie das Wettbewerbsrecht, massenmediale Praktiken wie das Befragen von Experten, aber auch das Professorenamt, das als Genehmigungsstelle für Anträge auf „Wahrheit“ erfunden wurde oder eben auch die Institutionalisierung des Zitierens. All das sind Lösungen, die im Laufe der letzten 170 Jahren eingeübt und ausdifferenziert wurden, um eine alte Gesellschaft abzuschaffen.
    Was aber ist nun, wenn das erfolgreich gelingt? Gesellschafftliche Prozesse funktionieren nicht wie eine arithmetische Gleichung: ein Defizit (-1) addiert mit einem Ausgleich (+1) ergibt nur in der Arithmetik 0, nicht aber in der Gesellschaft. Vielmehr werden die gefunden Lösungen selbst zum Problem und steigern wiederum ihren eigenen Problemüberhang. Dieser Überhang entsteht, weil für bekannt gewordene Probleme nur bekannt gewordene Lösungen vorgeschlagen werden, was nicht dazu führt, diese Probleme zu lösen, sondern zu steigern. Eben dies ist gegenwärtig der Fall. Noch immer wird Verdrängungskonkurrenz betrieben, aber langsam wird es immer ausrichtsreicher, das Nichtwissen, anstatt es zu verwalten, zuzugeben.

    Daher scheint mir die Idee zu kommen, diese Verdrängungskonkurrenz durch eine Bereicherungskonkurrenz zu ersetzen. Mein Ausdruck dafür wäre: Befruchtung nicht länger zu verweigern, sondern zulassen. Bedingung dafür wäre, dass man zugibt, nicht zu wissen, wie das gehen kann damit sie möglich wird.

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