Wittgensteins Ende der Philosophie

Worüber man podcasten kann, darüber muss man podcasten

Wir haben schon öfter behauptet, dass es mit den Fakten und dem Wissen über sie nicht so einfach ist, wie es der Alltag glauben macht. Die intellektuellen Traditionen, auf die wir uns dabei beziehen, sind hybrid, vielschichtig, unübersichtlich.

Mit kaum einem anderen Philosophen lassen sich die Schwierigkeiten einer positivistischen Weltsicht besser verstehen als mit Ludwig Wittgenstein. Mit seinem Tractatus schuf er ein Werk vollendeter Klarheit, in dem der Naturwissenschaft ein strenges logisches Fundament gegeben wurde und die Philosophie endgültig ihre Schuldigkeit getan hatte. 32 Jahre später erschienen seine Philosophische Untersuchungen, die alles wieder zum Einsturz brachten.

Unser Gast Felix hilft uns zu verstehen, welche Unordnung Wittgenstein in der Philosophie angerichtet hat. Was kann Philosophie nach Wittgenstein noch sein? Welchen Beitrag kann sie leisten zu unserem Wissen von den Dingen? Oder bedeutet Wittgenstein eigentlich das Ende der Philosophie (wie wir sie kannten)?

Die große Verschwörung

Was ist unvernünftig an Verschwörungstheorien?

In den letzten Jahrzehnten als Mittel politischer Kommunikation diskreditiert, sind Verschwörungstheorien mit voller Kraft zurück im Diskurs. Grund genug, uns diesen zu widmen. Wir sprechen über ein Interview mit Michael Butter, der kürzlich ein Buch zum Thema geschrieben hat. Das gleichen wir mit Bemerkungen von Karl Popper und Karl Hepfer ab. Verschwörungstheorien spiegeln, so das Ergebnis, ein modernes Denken, das irrtümlich von einer umfassenden Planbarkeit der sozialen Welt ausgeht.

Im Anschluss diskutieren wir, ob Verschwörungstheorien die Welt wirklich so einfach machen. Wenn man niemandem mehr trauen kann und alles selbst nachforschen muss, wird die Welt doch eigentlich komplizierter? Und auch wenn Verschwörungstheorien Komplexität reduzieren – macht das nicht jede Theorie? Wie unterscheiden sich Verschwörungstheorien von denen des Soziologen? Viel Gesprächsstoff. Wir kommen in einer der nächsten Sendungen darauf zurück.

Regentanz

Funktionale Theorie mit Robert K. Merton

Gesellschaft ist mehr als eine Summe von Individuen. Wer nur Absichten, Ziele, Bedürfnisse kennt, der muss die Menschen stets beim Wort nehmen und bleibt am Nullpunkt der Soziologie. Deshalb entstauben wir einen alten Begriff aus dem Werkzeugkasten der Gesellschaftstheorie und begleichen damit eine unabgetragene Ehrenschuld.

Funktion heißt das Zauberwort, das mehrere Generationen von Soziologen umtrieb. Wir lesen noch einmal Mertons Social Theory and Social Structure – die geneigte Hörerin erinnert sich an Episode 5 – um zu verstehen, was funktionale Analyse von Gesellschaft sein könnte.

Merton verabschiedet sich vom anthropologischen Funktionalismus. Gesellschaft erscheint nun nicht mehr – in der Analogie zum menschlichen Körper – als hochintegrierter Organismus, sondern als Ansammlung von Einzellern. Funktion ist nichts Zwangsläufiges, kann ihre Form wandeln oder auch ganz verschwinden.

Am Beispiel des Regentanzes klären wir Mertons Unterscheidung von manifesten und latenten Funktionen. Erstere erfährt man, wenn man die Leute fragt. Letztere rekonstruiert die Soziologie – zumindest wenn sie nicht nur Hilfswissenschaft sein soll. Doch wie stellt man Funktionen fest? Sind sie willkürliche Erfindungen des Soziologen?

Trampelpfade

Vor-, nach- und nichtmoderne Strategien der Planung

Wir reden nicht zum ersten Mal über das Ende moderner Paradigmen. Unsere Ausgangsbeobachtung ist dieses Mal, dass moderne Planung und Herrschaft im Hinblick auf das, was erreicht werden soll, vielleicht nicht rational ist. Modern gesehen, so lesen wir es bei Hans Freyer nach, erscheint die Welt als mehr oder weniger ungeordnete Natur, die durch Theorie und Gewalt unter Kontrolle gebracht werden muss. Die entgegengesetzte Strategie, stellt sich hingegen auf Ordnung, die immer schon da ist, ein.

Diese „natürliche Rationalität“, ursprünglich antimodernistische Polemik, wird uns heute vertrauter. Sinnbild ist der Trampelpfad, der als „Desire path“ längst seinen Weg in den Planungsdiskurs gefunden hat. Man erhofft sich, die soziale Intelligenz, die sich in ihm abdrückt, abschöpfen zu können. An der University of Oregon baute man erst die Gebäude und ließ zwischen ihnen Trampelpfade entstehen, bevor man befestigte Wege schuf. Keine Theorie mehr also? Da landen wir doch wieder bei Chris Andersons The End of Theory!

Was sind „Spuren“? Das beschäftigt uns zum Schluss. Spurenlesen, so Sibylle Krämer, ist eine „alltägliche Wissenskunst des Umgangs mit Situationen von Ungewissheit“, die nicht allein die Jäger und Sammler, sondern auch die modernen Menschen beherrschen, um durch den Alltag zu kommen. Das gilt insbesondere für die Hochtechnologie des 21. Jahrhunderts. Macht die automatisierte Produktion menschliche Fähigkeiten neu sichtbar?

Alles korrekt?

Was ist dran an der linken Kritik politischer Korrektheit?

Zur Linken ist man sich nicht ganz einig, welches Unrecht dieser Welt man zuerst abschaffen soll. Ging es lange um Armut, Ungleichheit und Ausbeutung, entdeckte man irgendwann die Diskriminierung, die Exklusion, den Alltagsrassismus und den bösen weißen Geist, der immer noch die Welt beherrscht.

Politisch korrekt“ schimpfen manche die Wende. Nicht nur die Konservativen hüsteln „Hypermoral“, auch Sozialdemokraten (Sigmar Gabriel, Mark Lilla) fragen sich nach verlorenen Wahlen, ob man es mit der „Postmoderne“ nicht übertrieben hätte. Harte Gleichheitspolitik brauche es und kein Diversitätsgerede. Beim Philosophen Robert Pfaller hören wir, was falsch sein soll am „Zartsprechen“ in der Politik.

Aber gibt es tatsächlich einen Widerspruch zwischen der Reflexion kultureller Ausschlüsse und der guten alten sozialen Frage? Haben sie nicht beide ihren Fluchtpunkt in der modernen Idee der Gleichheit? Muss eine progressive Politik nicht Antworten auf beide liefern, weil symbolische Entwertung und ökonomische Ausbeutung ein altes Liebespaar sind? Und wie steht es um die Frage der Strategie – wie lassen sich Mehrheiten gewinnen, wie lässt sich Politik machen und nicht nur Debatte?