Platz an der Sonne

Mit Ulrike Schaper über postkoloniale Kolonialgeschichte

Die Forderung des tansanischen Botschafters nach Wiedergutmachung für deutsche Kolonialverbrechen hat zuletzt einmal mehr daran erinnert, dass die deutsche Kolonialgeschichte nicht als historisch „abgeschlossen“ gelten kann. Die koloniale Phase von 1884 bis 1919 war lange Zeit ein blinder Fleck im kulturellen Gedächtnis. Wo lag nochmal Deutsch-Ostafrika?

Die wichtigste intellektuelle Strömung in der Auseinandersetzung mit der europäischen Expansionspolitik ist nach wie vor der Postkolonialismus, der sich seit den 1980ern in den angelsächsischen Literatur- und Kulturwissenschaften entwickelt hat. Prägend waren unter anderen Edward Said, Homi Bhabha oder Gayatri Chakravorty Spivak. Wie sich diese Ansätze für die deutsche Geschichtsschreibung anwenden lassen, darüber hat Ulrike Schaper einen Beitrag für Aus Politik und Zeitgeschichte geschrieben.

Wir sprechen mit ihr über die Besonderheiten des deutschen Kolonialismus, über dessen Bedeutung für das Verständnis des 20. Jahrhunderts, über die postkoloniale „Methode“ und ihre historiographische Reichweite sowie über postkoloniale Perspektiven für die Erinnerungskultur.

Dicker als Wasser

Mit Christopher Neumaier über die Geschichte der Familie im 20. Jahrhundert

Der moderne Staat hatte immer ein wachsames Auge auf der Familie. Sowohl im Kaiserreich und der Weimarer Republik als auch in Nazideutschland, der DDR und der BRD galt die Familie als Stabilisator der Gesellschaft. Was eine »richtige« Familie ausmacht, blieb allerdings kontrovers. Von der bürgerlich-christlichen Idealfamilie über die »respektable Arbeiterfamilie« und die »erbgesunde« deutsche Familie bis hin zur familialen Lebensform der Unverheirateten waren die Erscheinungsformen so divers wie umkämpft.

Unser Gast Christopher Neumaier (ZZF, HSU) hat eine Studie zur Familie im 20. Jahrhundert publiziert. Darin zeichnet er den Wandlungsprozess der kulturellen Ideale, juristischen Regulierungen und alltäglichen Praktiken nach, in deren Spannungsfeld die Institution der Familie in den letzten 150 Jahren stand.

Wir sprechen mit ihm über die Dominanz des bürgerlichen Familienideals, die juristischen Wandlungen im Familienrecht, den Kampf um die geschlechtliche Arbeitsteilung, aber auch über Einbauküchen und die Pille.

Alles nur geklaut

Wie geht Wissenschaft ohne Plagiate?

Es hat sich herumgesprochen: Nicht alle wissenschaftlichen Arbeiten sind einwandfrei. Die Jagd auf Plagiatoren läuft seit Jahren und hat inzwischen manche Karriere beendet. Zuletzt beschäftigte die Soziologie die Diskussion um Cornelia Koppetsch. Anlass für uns, das Plagiieren nicht als moralische Verfehlung Einzelner zu geißeln, sondern über seinen sozialen Sinn zu spekulieren. Welches Problem löst das Plagiat, und geht es auch ohne?

Wir nähern uns dem Problem step by step an, sprechen über Skandale und über Gründe für das Plagiieren. Das wissenschaftliche Zitat, so stellen wir fest, hat viele Funktionen. Neben dem, was beim Plagiat fehlt, nämlich dem Quellenverweis, kann es auch mehr sein. Eine Einladung zum Weiterlesen. Leider sind Texte oft eher Produkte auf akademischen Wissensmärkten. Und als solche müssen sie vor unlauterem Wettbewerb, vor Zitationskartellen und eben Plagiaten geschützt werden. Auch im Fall Koppetsch geht es um den Markenschutz von Gesellschaftsdiagnosen, nicht um deren Erkenntnisgehalt.

Dank Hinweisen von Peter Fuchs stellen wir fest: Digitalisierung vermehrt nicht nur Wissen, sondern auch Anomie auf Wissensmärkten (siehe auch Episode 5). Plagiieren ist in diesem Sinne eine Innovation; wer sich dabei erwischen lässt, ist einfach nicht innovativ genug. Fortschritt ließe sich dadurch erzielen, Plagiatssoftware einfach in die wissenschaftliche Methodenlehre zu übernehmen. Ist ein Plagiat, das man auf Vorschlag der Software bis zur objektiven Unerkennbarkeit abändert, überhaupt noch eines?

Musik: Nctrnm – Sweat

Realistisch bleiben?

Mit Victor Kempf über Menschenrechte und radikale Demokratie

Rechtspopulismus bedeutet landläufig: Autoritäre Politik, die sich gleichermaßen von Menschenrechten und Demokratie verabschiedet. Unserem Gast Victor Kempf ist das zu einfach. In einem Beitrag für den Leviathan hat er zuletzt darauf hingewiesen, dass im rechten Diskurs durchaus eine Vorstellung von Demokratie entwickelt wird: ein Kommunitarismus, der Menschenrechte akzeptiert, diese aber der Souveränität des Volkes unterordnet. Dem Rechtspopulismus ist also zunächst keine antidemokratische Haltung, sondern ein zweifelhaftes Verständnis von Demokratie vorzuwerfen. Gleiches gilt für das, was man neuerdings „linken Realismus“ nennt.

Im Anschluss an Jacques Rancière und Étienne Balibar plädiert Kempf dafür, Demokratie stattdessen als eine Praxis zu verstehen, in der die politisch Entrechteten ihre Stimme erheben. Der ohnmächtige Anspruch der Menschenrechte zum Schutz der Geflüchteten würde ersetzt durch deren eigene Forderung, als Gleiche im politischen Gemeinwesen teilzuhaben. „Das Volk“ ist eben nicht schon da, sondern stellt sich immer wieder neu her. So konnten in den letzten Jahrhunderten auch „Pöbel“, Frauen oder Migranten Teil des Demos werden.

Wo aber ist das politische Potential für eine solche „radikale Demokratie“ zu suchen, die ihren Fluchtpunkt jenseits des Nationalen hat? Kann das demokratische Aufbegehren tatsächlich von den Ausgeschlossenen ausgehen oder entlastet uns das als „Privilegierte“ nicht einfach von politischer Verantwortung? Warum haben sich linke Parteien – von der Burgfriedenspolitik bis hin zur Agenda 2010 – immer wieder vom Nationalismus breitschlagen lassen?

Musik: Die Dschungel – Auf Arbeit

Ums Ganze

Mit Alexander Struwe über gesellschaftliche Totalität

Wir leben in einer Gesellschaft“, darauf weist derzeit ein Meme hin. Ironisch und doch ernst ist der Hinweis, galt doch in den letzten Jahrzehnten nicht nur politisch, sondern auch sozialwissenschaftlich oft genug das Diktum Margaret Thatchers: „There is no such thing as society.“ Von gesellschaftlicher Totalität gar, mit der Intellektuelle wie Louis Althusser oder Theodor W. Adorno über Jahrzehnte gerungen hatten, ganz zu schweigen.

Unser Gast Alexander Struwe plädiert in seinem Beitrag in der Solidaritäts!?-Debatte im Theorieblog, die Frage nach der gesellschaftlichen Totalität wissenschaftlich zu rehabilitieren. Mit der Moderne, so Struwe, stehen die Menschen erstmals vor der Möglichkeit und Aufgabe, die Verhältnisse ihren eigenen Ansprüchen gemäß zu gestalten. Sie wissen, dass sie in einer Gesellschaft leben, die auch anders sein kann – was aber nicht heißt, dass sie dem eigenen Willen unterworfen ist. Aufklärung setzt also voraus, die Unhintergehbarkeit von Gesellschaft zu verstehen, die gesellschaftliche Determiniertheit des eigenen Denkens mitdenken zu können.

Wir diskutieren darüber, welche Aussichten ein solcher Erkenntnisanspruch heute hat. Kann man Gesellschaft noch auf den Begriff bringen? Was soll gesellschaftliche Bestimmung des Denkens überhaupt konkret bedeuten? Und wie lassen sich der weltanschauliche Dogmatismus und die entpolitisierte Altklugheit des Betonmarxismus vermeiden? Für Struwe steht fest: wer Totalität nicht zum Problem macht, kann dem Hamsterrad der Theorie nicht entkommen.

Musik: JBlanked – Send Me