Hands-on-Philosophie

Mit Dagmar Borchers über Angewandte Philosophie

Die Philosophie ist nicht mehr das, was sie mal war. Sagen manche. Zu verwissenschaftlicht, zu sehr in hochspezialisierten Forschungsprogrammen befangen, zu wenig an den eigentlichen Problemen „der Gesellschaft“ interessiert. Die Binse vom Elfenbeinturm ist allseits bekannt; was die Philosophie hingegen für das Verständnis unserer drängendsten Probleme leistet, ist eine schwierige, ja philosophische Frage.

Wir diskutieren darüber mit Dagmar Borchers, Professorin für Angewandte Philosophie an der Universität Bremen. Für Borchers habe die akademische Philosophie durchaus zu unzähligen Rätseln der Gegenwart etwas zu sagen, von der Sterbehilfe bis zur künstlichen Intelligenz, von der Quantenmechanik bis zur Neurowissenschaft, vom Terrorismus bis zum Staatsrecht. Angewandte Philosophie sei aber nur möglich in einem Zusammenspiel von interdisziplinärer Debatte und der Rückbindung an die philosophische Grundlagenforschung.

Wie kann das philsophische Wissen an die Öffentlichkeit gebracht werden? Wie kann das Wissen anderer Disziplinen angeeignet und philosophisch reflektiert werden? In Bremen soll das ab dem Sommersemster 2019 auch der Masterstudiengang Angewandte Philosophie vermitteln.

Digitale Entmündigung

Mit Rainer Mühlhoff über Manipulation durch User Experience Design

Im digitalen Raum findet ein Kampf um Aufmerksamkeit statt. Unser Verhalten wird dafür auf den meisten Websites und in den meisten Apps aufgezeichnet. Dabei geht es nicht nur um ein möglichst genaues Bild vom Verhalten der Nutzer. Die „Daten“ sind auch Basis eines Designs, das unsere Aufmerksamkeit und unser Verhalten in die gewünschten Bahnen lenken soll.

Rainer Mühlhoff beschäftigt sich mit eben diesem Thema und hat kürzlich einen Aufsatz dazu im Leviathan veröffentlicht. Unter dem Begriff der „digitalen Entmündigung“ beschreibt er ein Zusammenspiel aus umfassender Datensammelei, manipulativer Gestaltung von Interfaces und einer „Versiegelung von Oberflächen“. Dabei werde den Nutzern das technische Verständnis der Geräte und Anwendungen immer mehr erschwert.

Wir fragen uns, was an der Situation wirklich neu ist und was altbekanntes betriebswirtschaftliches Kalkül. Was ist der Unterschied zwischen Usability und User Experience Design? Denkt die Industrie unter Stichworten wie „Humane Technology“ oder „Time Well Spent“ nicht schon um? Und welche Rolle spielen wir selbst bei all dem? Wollen wir überhaupt mündig sein?

Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung

Im Gespräch mit Theodor W. Adorno

Die verwaltete Welt, in der wir scheinbar leben, erhofft sich allerlei von Kultur. Kritik des Bestehenden, Ausbruch aus dem stahlharten Gehäuse der Hörigkeit, pure Vernunft darf niemals siegen. Merkwürdig, dass Künstlerinnen und Kulturschaffende gleichzeitig abhängig sind von staatlichen Fördergeldern und Institutionen.

In seinem Vortrag Kultur und Verwaltung von 1959 beschäftigt sich Theodor W. Adorno mit eben diesem Problem. Die Nützlichkeit des Nützlichen sei selbst „dubios“, so hören wir im O‐Ton, und der Apparat lebe von der Gegenüberstellung mit der Kultur. Dass das Beharren auf der Nutzlosigkeit von Kultur staatserhaltend wirkt, leuchtet uns dabei voll ein. Ebenso, dass die Interdependenz von Kultur und Verwaltung in einer demokratischen Gesellschaft unumgänglich ist.

Wir sprechen, wie schon in Episode 12, über offene Planung, die Ungeplantes einschließen soll. Und haben schließlich unsere Zweifel, wie total man Kulturkritik formulieren kann. Ist Kultur nicht immer mehr als das Bild, das sich Staat und Gesellschaft von ihr machen? So überrascht uns auch der staatstragende, versöhnliche Ton Adornos, wenn es um die liberale Demokratie geht. Er hört sich an wie jemand, der sich arrangiert hat – und seinem Publikum das anempfiehlt.

Die fetten Jahre sind vorbei

Was ist Wachstum?

2019 wird gefährlich, sagt das Weltwirtschaftsforum in Davos. Nicht so sehr wegen Kriegen oder Wirtschaftskrisen, am gefährlichsten wird uns die Natur. Die ökologische Frage rückt langsam ins Zentrum des 21. Jahrhunderts und beschäftigt uns ein weiteres Mal beim Neuen Berlin.

Es geht um Wachstum und dessen alte Liaison mit unserer Wirtschaftsordnung. Mit Andrea Vetter vom wachstumskritischen Konzeptwerk Neue Ökonomie sprechen wir darüber, was Wachstum eigentlich ist. Wie kann man es messen? Und was übersieht man dabei vielleicht? (Dazu erscheint im April auch ein Buch bei Junius.)

Wer über Wachstum sprechen will, muss über das Ganze sprechen. Ohne das K‐Wort kommen wir dieses Mal also nicht aus: Gräbt die Dynamik des Kapitalismus uns langsam unser ökologisches Grab oder könnte eine kluge Politik ihn doch mäßigen? Und überhaupt, wo sollte man anfangen, im Supermarkt, im Braunkohlerevier, in der Fabrik oder im Parlament? Denn anfangen müssen wir.

Refreshing Das Neue Berlin

Rückblick auf den 35C3

Wir starten ins neue Jahr 2019. Jan war „zwischen den Jahren“ auf dem 35. Chaos Communication Congress namens „Refreshing Memories“ und berichtet von den besten Vorträgen. Öffentliche Debatten verstecken sich, wenn es um Computer geht, ja gerne hinter Begriffen – anders hier. Wir sprechen so über die Fragmentierung des chinesischen „Social Credit System“, den Datenmüll, den Amazon über uns anhäuft, was sich hinter der sogenannten künstlichen Intelligenz eigentlich verbirgt, oder das Internet als Business.

Zweites Thema: In einer Weltgesellschaft, die sich abhängig gemacht hat von digitaler Infrastruktur, werden die Fehler, die man bei ihrer Konstruktion gemacht hat, immer folgenreicher. Vielleicht wird also „the next big thing“ unwichtiger – gegenüber der immer größer werdenden Verantwortung, das, was bereits da ist, so zu verbessern, dass es auch in Zukunft noch sicher läuft. „Can we build systems that actually work?“

Doch auch auf den Rest der Gesellschaft wirft der Kongress einen Blick. Ob es um die Struktur und Reform des öffentlich‐rechtlichen Rundfunks oder die technische Infrastruktur geht, die den privaten Rettungsschiffen auf dem Mittelmeer ihre Arbeit ermöglicht: die Stärke vieler Vorträge liegt in Berichten aus erster Hand. Und in einer neuen Ernsthaftigkeit, was das politische System betrifft. Bevor Martin Sonneborn so seine Witze machte, hielt sein Büroleiter Lehrstunde über die europäischen Institutionen. Der Diskurs legte also gut vor. Die Sozialwissenschaft müsste anschließen — fehlt aber auffällig auf der Bühne (mit wenigen Ausnahmen). Das können wir doch ändern. Guter Vorsatz!

Dank an Gregor Dys für die Musik!