Auf dem Marktplatz

Was ist Öffentlichkeit?

Auf der Liste von Dingen, die vermeintlich gerade den Bach runter gehen, steht die Öffentlichkeit ziemlich weit oben. Früher klopfte sie den Mächtigen auf die Finger, stellte einen Konsens her und gab dem „Volk“ eine Stimme. Heute fühlt sich keiner mehr repräsentiert, Aufmerksamkeit bekommen immer die Falschen und keiner liest mehr FAZ.

Wir fragen uns, was ist Öffentlichkeit eigentlich? Ist sie ein Ideal oder immer nur ganz konkret? Soll sie die Menschen der Gesellschaft zusammenbringen an einem Ort des Allgemeinen oder soll nicht lieber jeder seine eigene haben, zum nachause nehmen und für zwischendurch?

Mit Volkan Sayman sprechen wir über Öffentlichkeiten und landen bald fußtief in der Mediengeschichte. Ein Parforceritt durch die Jahrhunderte. Von Agora, Zeitungsreligion, Volksempfänger, fordistischer Massenkultur und natürlich der AfD.

J'accuse?

Was kann man von Intellektuellen noch erwarten?

Ob Liberalismus, Sozialismus oder Kommunismus: Die großen gesellschaftlichen Entwürfe und der politische Kampf um sie sind ohne bürgerliche Öffentlichkeit nicht zu denken. Die Helden dieser Öffentlichkeit sind die Intellektuellen, deren Aufstieg und Fall wir uns dieses Mal widmen. Wir schauen zunächst in die Geschichte, entdecken, welche Macht das gedruckte „J’accuse!“ (Ich klage an!) eines Émile Zola entfalten konnte.

Wir verfolgen dann – holzschnittartig – die verschiedenen Generationen französischer Intellektueller. Als Leitfaden dient uns ein Beitrag von Caspar Hirschi zu Eribon und Macron, Bourdieu und Juppé. Über Jean‐Paul Sartre und Pierre Bourdieu landen wir bei Didier Eribon. Wir diskutieren Hirschis These, dass Eribon, gefangen zwischen den verschiedenen Rollenerwartungen und politischer Desillusionierung, eigentlich nichts mehr zum Fortschritt der Gesellschaft beizutragen habe, mit seiner Verweigerungshaltung gar „symbolische Antipolitik“ betreibe. Wie ist der intellektuellen Ratlosigkeit beizukommen – auch über die Anklage hinaus?

Die neuen Bilderstürme

Was bedeutet die Freiheit der Kunst?

Kunst ist immer schon ein Politikum. Sie ist keine Konstante, sondern nimmt in jeder Gesellschaftsform eine andere Stellung ein. Sie steht in einem – wenn auch distanzierten, reflektierenden, kritischen – Aushandlungsverhältnis zu ihrer Zeit. Wie aber ist das Verhältnis zwischen Politik und Kunst genau zu verstehen?

Wie lässt sich die Rolle der Kunst bestimmen, ohne dabei in die bürgerliche Fiktion einer Autonomie der Kunst zurückzufallen und ohne sie andererseits zum Opfer von puritanischer Sittenpolizei, politischer Instrumentalisierung oder biographischer Reduktion werden zu lassen? Mit halbrichtigen Kant‐Bezügen und holprigem Spanisch gehen wir der Sache auf den Grund.

Smarte Deals

Trump erklären mit Robert K. Merton

Die Wahl des Orangenmannes zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ist halbwegs verdaut. Die Erklärungen dafür kennt man. Auf der einen Seite scheint es immer noch zu reichen, ihn als irre abzutun. Auf der anderen Seite hat man „die Abgehängten“ entdeckt, die ihn aus Wut und Verzweiflung – und entgegen ihrer Interessen – gewählt hätten. Wir versuchen demgegenüber, eine soziologische Erklärung nachzuvollziehen, die Trump als Figur ernst nimmt und eine Antwort darauf hat, warum gerade sie zu den Vereinigten Staaten heute passt.

Es geht um Anomie, wie sie Robert K. Merton in Social Theory and Social Structure beschrieben hat. „Kulturelle Ziele“ und „institutionelle Normen“ fallen, so seine Vorstellung, in modernen Gesellschaften immer wieder auseinander. In den Vereinigten Staaten bedeutet das, dass man zwar reich werden soll, aber es keine festen Regeln gibt, wie. Get Rich or Die Tryin‘. „Smarte Kerle“ wie Trump, die sich nicht an die Regeln halten und gerade dadurch Erfolg haben, sind nicht nur Ausdruck, sondern die Helden dieser Anomie.

Lose verbunden

Internettheorie mit David Weinberger

Leo ist erkältet, Menschen haben das manchmal so an sich. Damit sind wir schon beim Thema, denn wir sprechen darüber, wie sich modernes Wissen von Wissen unterscheidet, das aus lose verbundenen Stücken besteht. Dafür lesen wir ein paar Stellen aus Small Pieces Loosely Joined von David Weinberger. Das moderne Wissen war ein Prachtbau, gebaut aus den Fakten wie Ziegelsteinen, wie wir am Beispiel der Zentralbibliothek von Los Angeles nachvollziehen. Die Disziplinen hatten sich die Welt aufgeteilt, die große Leistungsfähigkeit der modernen Gesellschaft fußte auf dem Vertrauen ins Expertentum.

Im Web, so Weinberger, ist das alles anders. Die lose verbundenen Wissensstücke sind keine Ziegelsteine mehr. Viel mehr sind es Elemente, die dynamisch zusammengesetzt werden, deren Sinn immer neu hergestellt wird – und zwar von uns. Wir werden somit Teil dieses Wissens. Wir können die Verantwortung nicht abgeben, deswegen funktioniert Fact Checking, wie bei Verrit oder Snopes, auch nicht; zumindest nicht so, wie es soll. Ironischerweise – und damit erinnern wir uns an die zweite Folge von Das Neue Berlin – macht das entkörperlichte Web damit die „Wahrheiten des Körpers“ sichtbar. Wir werden auf niemand anderen zurückgeworfen als uns selbst.